Ärztliche Grundversorgung: Kompetenz & Bürokratie. Noch können so gut wie alle Stellen im Bezirk besetzt werden, aber wie lange noch?

Von Christian Pfeiffer, Franz Enzmann und Sandra Donnerbauer. Erstellt am 13. Februar 2019 (05:03)
Franz Enzmann
Benjamin Thal ist Anfang des Jahres in die bestehende Arztpraxis in Zellerndorf eingestiegen. Derzeit befindet er sich in einem Ausweichquartier, neue Räumlichkeiten werden gerade von der Gemeinde errichtet.

Ärztevertreter und Facharzt für Radiologie Günther Nics gibt Entwarnung: „Derzeit sind im Bezirk alle Planstellen besetzt.“ Er fügt aber hinzu, dass „der Stellenplan den Bedarf nur sehr eingeschränkt widerspiegelt“. Der Mediziner fordert eine Reform der Studienzulassung und der Ausbildung. Er spricht damit die derzeit hohen Hürden für das Studium an, die er als „kontraproduktiv“ bezeichnet und gibt zu bedenken, dass Steuerungsmaßnahmen im Ausbildungsbereich erst nach mindestens zehn Jahren wirksam werden.

Geld regiert auch in der Medizin die Welt

Um ein Thema bezüglich der Attraktivität des „Landarztes“ kommt man nicht herum: das Geld. Die Tatsache, dass immer weniger junge Ärzte als Kassenärzte am Land tätig sein wollen, wundert Benjamin Thal, der mit seiner Frau in die bestehende Praxis von Gerhard Schneller in Zellerndorf eingestiegen ist, nicht. „Wir werden nach wie vor für das, was wir leisten, unterbezahlt“, berichtet der 37-Jährige von Vergütungen im einstelligen Bereich pro Patient mit denen die Krankenkassen Ordinationen abgelten. „Davon müssen die Kosten für alle Materialien, die Angestellten und die eigene Arbeitszeit abgegolten sein“, rechnet Thal vor.

Für ihn und seine Ehefrau Brigitte Maria, die ebenfalls Allgemeinmedizinerin ist, war die Teilhabe in Zellerndorf nur möglich, weil er noch weitere berufliche Standbeine als Notfallmediziner und in seiner Werbeagentur hat. Darüber hinaus sei die Zellerndorfer Praxis bisher wirtschaftlich gut geführt worden und liege an einem stark frequentierten Standort.

Große Abhängigkeit von der Politik

Sich als Allgemeinmediziner aber heutzutage alleine auf die Kassenmedizin zu stützen, sieht er als „schwierig“, zu sehr sei man vom politischen System abhängig. Seit 2017 führt der Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes außerdem eine Wahlarztordination in Retz, in der er einen Tag pro Woche praktiziert. „Es war ein Experiment, aber jetzt funktioniert es überraschend gut“, freut sich Thal über die positive Resonanz. Während auch in der Kassenordination gute, fortschrittliche Medizin angeboten wird, wie er betont, sei es vor allem die zusätzliche Zeit für die Patienten und die geringe Wartezeit, die diese am Wahlarzt schätzen.

Auch die Hollabrunner Allgemeinmedizinerin Kinga Halmagyi-Steinböck erkennt ein „eklatantes Missverhältnis zwischen Verantwortung und Leistung auf der einen beziehungsweise Honorar auf der anderen Seite.“ Wobei das für die Ärztin generell nichts mit „Landarzt“ zu tun hat , sondern mit „Kassenarzt für Allgemeinmedizin“.Sie kommt zu dem ernüchternden Schluss: „Das System funktioniert über Quantität.“

Persönliche Betreuung und soziale Kompetenz

Thal kann diesbezüglich mit einem aktuellen Beispiel aufwarten: „Am Freitag vor den Semesterferien waren über 200 Patienten in unserer Gruppenpraxis in Zellerndorf. Da kann man sich dann ausrechnen, wieviel Zeit jeder davon bekommt.“

Neben diesen Bedenken glaubt Halmagyi-Steinböck aber auch, dass „es meist persönliche Gründe sind, ob man gerne am Land oder in der Stadt leben beziehungsweise arbeiten will.“ Die Vorteile liegen für sie auf der Hand. „Durch die kleineren Strukturen kennt man seine Patienten gut, meist die ganze Familie und den Background, was es natürlich persönlicher macht und hilfreich im Verständnis der Gesamtsituation ist.“

Dem kann sich Günther Nics anschließen: „Am Land zu arbeiten ist nach wie vor eine sehr erfüllende Aufgabe, die von Ärzten hohe soziale Kompetenz erfordert.“ Für ihn ist aber eine Entlastung der Ärzte im Bereich der Bürokratie dringend notwendig.

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