Sicherheit für Radfahrer: „Es gehört mehr aufgeklärt“. Nach dem tödlichen Unfall mit einem Fahrradanhänger, bei dem zwei Kinder gestorben sind, ist eine Debatte über das Radwegenetz in NÖ entbrannt.

Von Christoph Reiterer und Sylvia Stark. Erstellt am 14. August 2019 (05:28)
Karin Widhalm
Der Direktor des Retzer Pflegezentrums, Horst Winkler, lebt in Waidhofen/Thaya und fährt etwas 20-mal im Jahr mit dem Rad zu seinem Arbeitsplatz. Einmal – und nie wieder – wählte er die Bundesstraße: „Das ist lebensgefährlich!“ Foto: Karin Widhalm

Martin Marte-Singer ist ein Verfechter des öffentlichen und umweltfreundlichen Verkehrs und hat sich vor Jahren mit einer Initiative in seiner Heimatstadt Hollabrunn dafür eingesetzt. Was sich seither auf diesem Gebiet getan hat, erfüllt ihn nicht mit Freude. Die Situation für Radfahrer sei nicht sehr rosig. „Es wird halt fast nur ans Auto gedacht.“

„Mobilität muss völlig neu gedacht werden“

„Der Verkehr ist Österreichs größtes Sorgenkind beim Erreichen der Klimaziele, deshalb muss Mobilität völlig neu gedacht werden“, betont Marte-Singer. Innerörtlich brauche es eine neue Vorrangordnung: Fußgänger – Radfahrer – Pkw, eine neue Verteilung der (barrierefreien) Flächen mit viel mehr gemeinsamen Nutzungsmöglichkeiten und hoher Aufenthaltsqualität; das alles bei maximal Tempo 30.

Zwischenörtlich, bei Pkw-Geschwindigkeiten zwischen 30 und 100 km/h, brauche es baulich getrennte Fahrbahnen. „Ist diese Infrastruktur so vorhanden, fällt die Entscheidung viel öfter fürs Gehen oder Radfahren, und das Auto bleibt zu Hause“, ist Marte-Singer überzeugt. Aspekte wie die Helmfrage oder die penibel vorgeschriebenen Rück- und Seitenstrahler wären dann nahezu irrelevant.

Werde dann noch dazu Kostenwahrheit hergestellt, Unfall-, Umwelt- und Klimakosten inklusive, ergebe das einen „extra Turbo“ für die klimafreundlichere Fortbewegung. „Wovon ich nichts halte, ist Bevormundung“, sagt der Hollabrunner. Jeder sei selbst in der Lage, zu entscheiden, was er braucht und worauf er verzichten kann.

Lukas Reinwein fährt von Kiblitz nach Ziersdorf in die Arbeit. Die wenig befahrene Landstraße sei kein Problem. Früher radelte er nach Großweikersdorf zum Zug. „Auf der Landstraße fuhr ich von Kiblitz nach Rohrbach und dann gibt es einen durchgehenden Radweg, der neben der Schmida verläuft“, schildert Reinwein. Nicht so ideal sieht er die Möglichkeit, zum Glaubendorfer Sportplatz zu kommen. „Da muss man die Bundesstraße überqueren. Das ist sehr gefährlich; besonders, wenn man Kinder hat.“

Er tritt jedenfalls lieber in die Pedale, als das Gaspedal zu betätigen. „Ich mache das erstens aus Umweltschutzgründen und zweitens ist es billiger; so brauchen wir kein zweites Auto.“

Nutzer mit E-Fahrräder teils noch überfordert

Hollabrunns Umweltstadtrat Josef Keck, der mit einer Handvoll Mitstreitern in einer Radinitiative in der Pflege, Erhaltung und Strukturierung der Wege engagiert ist, baut auf bewusstseinsbildende Maßnahmen. Der eine dürfe vom anderen keine Angst haben müssen. Bei Straßenbauprojekten müsse noch mehr auf die Sicherheit geachtet werden. Aber: Von eigenen Radstreifen auf jeder Landstraße hält Keck nichts: „Wir versiegeln dadurch immer mehr Flächen, die Erhaltung kostet auch immer mehr.“

In Fahrschulen und Schulen müsse gezielt darauf hingearbeitet werden, dass Autofahrer und Radfahrer gleichberechtigte Verkehrteilnehmer sind und dass hier ein Sicherheitsgefühl verankert wird. Dass E-Fahrräder boomen, merkt Keck auch in der Gemeinde, wo Förderungen ausgeschüttet werden. Zum Teil seien die Nutzer damit jedoch überfordert. Lösung? „Langsam anfangen und üben …“

Othmar Ruby vom jungen, 60 Mitglieder umfassenden Radsportclub Hollabrunn bestätigt das Sicherheitsproblem auf stark befahrenen Straßen, weshalb er mit seinen Radfreunden möglichst auf Nebenstraßen fährt, „wo nicht viel los ist“. Auch er meint: „Radfahren boomt so wahnsinnig, es gehört viel mehr Aufklärung geleistet.“

Als er einmal mit dem Straßenrennrad auf der B 303 zwischen Suttenbrunn und Schöngrabern unterwegs war, sei das eine Katastrophe gewesen. Autofahrer deuten und hupen. Von manchen Radlern werden solche Situationen aber auch herausgefordert, räumt Ruby ein. Da zähle die Einstellung: „Ich bin Radfahrer und der hat auf mich aufzupassen.“ Jeder müsse aber auf sich selber aufpassen: „Wennst dich auf die anderen verlässt, ist es zu spät.“

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