Prager Kulturforums-Direktor: „Kunst darf nicht lügen“. In einem Festakt diskutierten prominente Vertreter aus Politik und Gesellschaft kritisch über Europa.

Von Sandra Donnerbauer. Erstellt am 19. Juli 2019 (03:07)

„Stacheldraht hat die Länder getrennt. Wir wussten nichts voneinander. Die Politik hat uns erzählt, dass der Nachbar auf der anderen Seite gefährlich ist“, skizzierte Alexander Löffler, Intendant des Festivals Retz die Situation vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

In einem Festakt in Retz feierte man mit hochkarätigen Diskussionsteilnehmern und Musikstücken des Alliance Quartett gemeinsam mit Pianistin Agnes Wolf und Kontrabassist Maximilian Ölz die vielen geglückten Initiativen der vergangenen Jahre, um Österreicher und Tschechen einander näherzubringen.

Nicht jedoch ohne sich auch kritisch mit den Fehlern, die dabei passiert sind und in der heutigen Politik immer noch passieren, auseinanderzusetzen. „Die Geschichte ist eine sehr gute Lehrerin. Doch leider hat sie keine Studenten“, fragte sich Autorin Radka Denemarková, warum totalitäre Regime in Europa derzeit für so viele Menschen wieder verlockend zu sein scheinen.

„Die Geschichte ist eine sehr gute Lehrerin. Leider hat sie keine Studenten.“Radka Denemarková,Autorin

Eine Chance, besseres Verständnis zwischen den einzelnen Ländern herzustellen sehe er in der Kultur, führte Andreas Schmidinger, Direktor des Kulturforums in Prag, aus. Dem stimmte Denemarková zwar zu, doch sei es wichtig, „dass Kunst nicht lügt. Ich merke, dass in Ungarn eine Selbstzensur unter Künstlern verbreitet ist. Gerade jetzt ist es wichtig zu seinen Positionen zu stehen“, appellierte die Autorin und rief dazu auf, weg vom Nationalismus und hin zu einem Humanismus zu gehen. „Ich sage nicht mehr, dass ich eine tschechische Autorin bin. Ich bin einfach Autorin – und zuallererst ein Mensch“, unterstrich sie.

Auch Ex-ÖVP-Chef Erhard Busek wies in seiner Grußbotschaft darauf hin, dass uns 1989 die Möglichkeit geschenkt wurde, Europa als gesamtes zu gestalten und stellte die Frage in den Raum, ob man wirklich das Beste daraus gemacht habe. „Diese damalige Missachtung des Menschen sollte uns eine Warnung sein, wenn wir heute in der Flüchtlingsfrage oft Menschen missachten“, übte er Kritik an der aktuellen Politik.

Ähnliche Worte fand auch Autor Doron Rabinovici. „Den Rechtsstaat zu verteidigen, heißt, dass man in konkreten Fällen das Gesetz auch brechen muss, wenn es um das Leben eines Menschen geht. Sonst mache ich mich mit schuldig“, spielte er ebenso auf die Flüchtlingsboote im Mittelmeer an und erntete Applaus.

"Ich bin dankbar für Europa"

Die Hoffnungen aus 1989 seien bitter geworden, bezog sich der Autor auf die stärker werdenden nationalistischen Kräfte „Aber ich verzweifle nicht. Ich glaube, dass es in Europa auch andere Kräfte gibt“, zeigte er sich zuversichtlich.

„Für mich ist Europa ein großes Friedensprojekt. Wir leben seit 70 Jahren ohne Krieg“, betonte die tschechische Botschafterin Ivana Červenková und nannte es einen Fehler, dass man in Tschechien lange Zeit schlecht über die EU sprach.

„Ich bin dankbar für Europa“, schloss dann auch Alexander Löffler den Abend.