Unfall in Jetzelsdorf: Lkw-Lenker ohne Schuld. Reifenplatzer änderte Leben zweier Familien. Experte: Unfall nicht vermeidbar.

Von Sandra Frank. Erstellt am 13. September 2019 (06:53)
Franz Enzmann
Am Jetzesldorfer Berg platze im Dezember ein Reifen eines Lkw, was einen schweren Verkehrsunfall zur Folge hatte. Dem Lenker konnte kein schuld-haftes Verhalten nachgewiesen werden.

Er habe einen „Kracher“ gehört, den er nicht zuordnen konnte. Sein Fahrzeug zog nach links, in den Gegenverkehr. „Ich wollte gegenlenken, aber das ging nicht mehr. Dann bin ich im Spital aufgewacht.“ Was dazwischen passiert war, daran erinnert sich der 46-jährige Lkw-Lenker nicht.

„Es ist egal, ob er mit 70 oder 84 km/h unterwegs war“

Als er im Dezember des Vorjahres den Jetzelsdorfer Berg hinunter fuhr, platze ein Reifen seines Lkw. Der Pulkautaler kam in den Gegenverkehr, kollidierte mit einem Fahrzeug, das er gegen eine Brücke drückte. Die 27-jährige Lenkerin erlitt unzählige Knochenbrüche und befindet sich noch im Wachkoma.

„Es tut mir sehr leid, dass das alles passiert ist“, sagt der 46-Jährige mit gedrückter Stimme im Zeugenstand von Richter Erhard Neubauer. Dieser musste entscheiden, ob sich der Fahrer fahrlässiger schwerer Körperverletzung schuldig gemacht hatte. Zum einen wurde dem Lkw-Fahrer angelastet, dass sich der Unfall vielleicht gar nicht ereignet hätte, hätte er sich an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h gehalten. Und: Hätte der schadhafte Reifen früher bemerkt werden können?

„Es ist egal, ob er mit 70 oder 84 km/h unterwegs war“, sagt der Verteidiger. Aufgrund des ungleichen Massenverhältnisses zwischen Lkw und Pkw wäre der Unfall mit Tempo 70 genauso tragisch ausgegangen.

„Bei so einer Masse macht das keinen Unterschied“

Auch den Schaden am Reifen hatte der Angeklagte nicht erkennen können, deshalb forderte er einen Freispruch für seinen Mandanten. Dieser hat sich ebenfalls noch nicht von dem Unfall im Dezember erholt. Bis heute befindet sich der Selbstständige im Krankenstand. Er erlitt schwere Kopfverletzungen, eine Gehirnerschütterung, ein Lendenwirbel war gebrochen, ebenso wie das Knie. „Ich brauch ein Neues. Mit dem geht nix mehr, ich kann es nur mehr 50 Grad abbiegen“, erzählt der Angeklagte, dass seine Genesung noch andauern werde.

„Der Lkw kam direkt auf mich zu. Ich habe Gas gegeben und nach rechts gelenkt, um eine Kollision zu vermeiden. Ich habe auch gesehen, wie der Lkw-Fahrer versucht hat, dagegen zu lenken“, schildert ein 50-jähriger Tscheche, der im Auto vor der 27-Jährigen unterwegs war. Er hatte Glück: Der Lkw streifte sein Fahrzeug nur.

Ob der Reifen später geplatzt wäre, hätte sich der Pulkautaler an die Höchstgeschwindigkeit gehalten? Diese Frage stellte der Privatbeteiligtenvertreter dem Gutachter. „Ich denke nicht. Wenn ein Reifen platzt, dann platzt er. Bei so einer Masse macht das keinen Unterschied.“ Dem Gericht lagen auch zwei Stellungnahmen von Reifengutachtern vor. „Der Reifen war schadhaft, aber das war von außen nicht zu sehen“, erklärte Neubauer, dass dem Angeklagten kein Vorwurf gemacht werden könne.

Weil dem 46-Jährigen kein schuldhaftes Verhalten nachgewiesen werden konnte – für die Geschwindigkeitsübertretung ist die Verwaltungsbehörde, nicht das Gericht zuständig –, sprach Neubauer den Angeklagten frei.