Hollabrunn , Haugsdorf

Erstellt am 31. Januar 2019, 09:52

von Sandra Frank

„Danke, lieber Viktor!“: Gelegs über das System Orbán. Ernst Gelegs ist Haugsdorfer und ORF-Korrespondent in Budapest. Der 58-Jährige erzählte, welche Steine ihm der ungarische Ministerpräsident in bei seiner Arbeit in den Weg legt.

Christian Kasper (l.) und Jürgen Steinmair (r.) holten für die Hollabrunner Vorlesungen ORF-Korrespondent Ernst Gelegs in den Festsaal des Erzbischöflichen Gymnasiums.  |  Sandra Frank

Wenn es im Nachbarland Ungarn brodelt, dann ist sicher: ORF-Korrespondent Ernst Gelegs wird darüber berichten. Im Hollabrunner Bezirk kennt man den 58-Jährigen aber nicht nur aus dem Fernsehen, denn er ist im Pulkautal, in Haugsdorf zuhause. Die Schilderungen des Journalisten über das „System Orbán“ im Rahmen der Hollabrunner Vorlesungen fesselten die Zuhörer im Festsaal des Erzbischöflichen Gymnasiums.

„Er hat sich aus allen Mediengesetzen die grauslichsten Sachen herausgesucht und zu Frankenstein zusammengesetzt“, erzählt der Korrespondent, dass es dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán gelungen ist, die ungarischen Medien mundtot zu machen. So gibt es eine Medienbehörde, die entscheidet, ob die Berichterstattung objektiv und ausgewogen ist. Besetzt ist diese Behörde mit Personen, die loyal zu Orbán sind. Ein Damoklesschwert schwebe über den Köpfen der ungarischen Journalisten. 

"Orbán-Regierung gibt vor, was zu berichten ist"

Die Zeitungen werden von Orbáns Freunden gekauft, im TV gelte die Devise: Nur nicht anstreifen! „Es ist unfassbar: Die Orbán-Regierung gibt vor, was gut ist, was schlecht ist und was zu berichten ist“, ist Gelegs froh, dass er als ausländischer Journalist vor solchen Eingriffen in seine Berichterstattung gefeit ist.

Das Leben wird dem Korrespondenten dennoch so schwer wie möglich gemacht: „Von 2012 bis 2016 hat Orbán massiv gegen mich interveniert“, erinnert sich Gelegs, dass es damals hieß: „Dieser Korrespondent muss weg, er berichtet falsch.“ Genützt haben die Interventionen nichts. Aber: Die Regierung sprach nicht mehr mit Gelegs, zu Pressekonferenzen wurde er nicht eingeladen. „Für die Österreicher ist es egal, ob ich einen Tag nach BBC von einer Pressekonferenz berichte“, sagt der 58-Jährige dazu.

"Gesprächsverweigerung verhindert die Berichterstattung nicht"

Diese Ansicht vermittelte er auch der Regierung. Mit Erfolg: „Ich hab‘ ihnen gesagt: Gesprächsverweigerung verhindert die Berichterstattung nicht.“ Jetzt sei es so, dass sich zumindest ein „Staatssekretär herablässt, mit dem ORF zu sprechen“.

Trotz all der Steine, die dem Journalisten bei seiner Arbeit in den Weg gelegt werden, kommt dem Vortragenden folgender Satz über die Lippen: „Danke, lieber Viktor, du hast meinen Job bis zur Pension gesichert.“ Es sei jährlich über die Notwendigkeit einer Korrespondenten-Stelle aus Budapest diskutiert worden. „Seit 2010 sind diese Diskussionen verstummt“, schmunzelt Gelegs, der insgesamt für acht Länder zuständig ist. 2010 wurde Viktor Orbán zum Ministerpräsidenten gewählt.

Gab's noch nie: Kreuzzug gegen kritische Kulturschaffende

Etwas, das die EU noch nicht bemerkt habe, fällt Gelegs in Ungarn auf: Orbán habe auch kritischen Kulturschaffenden den Kampf angesagt. „Es ist ein Kreuzzug gegen alles, was linksliberal ist.“ So etwas habe es noch nie gegeben, meint der Korrespondent, der seit 1999 aus Budapest berichtet.

Warum dennoch 53 Prozent der Ungarn im vergangenen Jahr dem Ministerpräsidenten ihre Stimme gaben? „Die Opposition ist eine Katastrophe, auch ich würd‘ mir schwertun, wenn ich wahlberechtigt wäre“, meint Gelegs, dass Alternativen zu Viktor Orbán gänzlich fehlen würden. Außerdem: „20 Prozent der Ungarn sind Rassisten“, zitiert er eine Studie. Eine Tatsache, die dem Ministerpräsidenten in die Hände spielt.

Kritische Medien fehlen in Ungarn

Ein weiterer Punkt für den Zuspruch Orbáns – der es durch Gesetzesänderungen übrigens schaffte, mit 53 Prozent eine Zweidrittelmehrheit zu haben - sei das Fehlen der Presse. „Es gibt keine Zeitungen am Land, die regierungskritisch sind. Orbán ist super, alle anderen sind Trotteln – das lesen die Leute jeden Tag.“ Darum sei es Orbán auch wichtig, wie der ORF über Ungarn berichtet. Denn in West-Ungarn werden österreichische Nachrichten gesehen und die vermitteln eben ein ganz anderes Bild.

„Wenn S‘ in ein ungarisches Spital gehen, speiben S‘ Ihna an“

Gelegs beobachtet den Wahlkampf der Regierungspartei genau. Es habe nie ein „Wir wollen …“ gegeben. Einziges Thema im Wahlkampf sei das Bedienen von Feindbildern gewesen. Dabei gäbe es etwa im Bildungs- oder Gesundheitssystem genug zu tun. „Wenn S‘ in ein ungarisches Spital gehen, speiben S‘ Ihna an“, zeichnet Gelegs ein deutliches Bild. Doch die Bevölkerung sei keine besseren Krankenhäuser gewöhnt.

Wie einfach sich die Ungarn beeinflussen lassen, zeigte der Haugsdorfer an einem Beispiel: Orbán werde dafür gelobt, dass er etwa in Budapest die Obdachlose verschwinden lässt. „Er hat ein neues Gesetz erlassen. Es ist verboten, obdachlos zu sein!“

AUS GELEGS VORTRAG:

„Viktor Orbán war früher wie Sebastian Kurz: Jung, erfolgreich, charismatisch, g’scheit – sogar noch g’scheiter: Er hat ein Studium abgeschlossen.“

„Orbán ist damals nicht aufgefallen. Die Wahl 2002 hat er verloren. Das war ein massiver Schock für ihn. Danach war er in psychischer Behandlung in Graz, sagt man.“

„Er arbeitet darauf hin, dass alle Gesetze nur noch mit einer Zweidrittelmehrheit geändert werden können. Seine Politik wird einzementiert.“

„Wenn die FPÖ eine Zweidrittelmehrheit hätt‘, ich weiß nicht, ob wir nicht ähnliche Zustände hätten.“

„Die Unzufriedenheit bei den Intellektuellen ist groß.“

"Orbán hat aufs Internet vergessen, da gibt es kritische Artikel, die auch Teil meiner Recherchequellen sind. Das steht aber in keiner ungarischen Zeitung.“

„Ich bin sicher, dass mein Mobiltelefon abgehört wird.“

„Einen Staatssekretär kannst einfacher austauschen, als einen Minister, wenn er Blödsinn sagt. Du kannst ja nicht immer die Regierung nach einem Interview mit mir umbilden.“

„Nach der ZiB2 hängt dir schon die Zunge aus. Dann gibt’s nur noch eine Bedrohung: die ZiB24.“ (Gelegs über einen Tag mit „Breaking News“)