Psychiatrie-Leiter: "Die Stimmung ist eher gedrückt“. Wolfgang Grill, Leiter der Psychiatrie am Landesklinikum Hollabrunn, erzählt, was die Corona-Einschränkungen mit den Menschen machen.

Von Sandra Frank. Erstellt am 22. Oktober 2020 (04:29)
Der Facharzt für Psychiatrie Wolfgang Grill sprach mit der NÖN über die Heraus-forderungen, die die Sozialpsychiatrie des Landesklinikums Hollabrunn durch die Corona-Situation bewältigen muss.
Sandra Frank

Corona. Ein Begriff, den vor einem Jahr kaum einer kannte. Doch seit mehr als einem halben Jahr dreht sich alles um dieses Virus, das die gewohnte Freiheit der Menschen einschränkt. Die NÖN sprach mit Wolfgang Grill, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeut und Vorstand der Abteilung für Sozialpsychiatrie im Klinikum Hollabrunn, darüber.

NÖN: Wann haben Sie realisiert, dass eine einmalige Situation auf uns zukommen wird?

Grill: Ich habe einige Wochen gebraucht, um die Ernsthaftigkeit zu erkennen. Ein entscheidender Moment war natürlich der Lockdown im März. Ich lebe in Wien und da hatte ich schon das Gefühl des Inseldaseins. Bei Spaziergängen mit meiner Frau habe ich mich oft gefragt: Wo sind die anderen?

Wie hat der Lockdown den Arbeitsalltag der Sozialpsychiatrischen Abteilung verändert?

Grill: Die Rahmenbedingungen waren natürlich anders, als das Klinikum zum Covid-Spital wurde – außer unserer Abteilung, die Sozialpsychiatrische Abteilung. Da war die Schwierigkeit des Umgangs damit. Wir wollten und mussten den Betrieb aufrechterhalten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Grill: Vor allem Gruppentherapieangebote waren nicht möglich, auch Musiktherapie – als Beispiel – war nicht mehr wie gewohnt durchzuführen. Singen war überhaupt verboten. Bei uns ist es Standard, dass wir zu Angehörigengesprächen einladen. Zu Beginn war dies nicht mehr möglich, später unter schwierigen Rahmenbedingungen. Psychiatrisches Arbeiten ist sprechende und zuhörende Medizin, braucht unbedingt den persönlichen Kontakt. Mit Masken zu arbeiten und Mimik nicht erkennen zu können, stellt ein weiteres Problem dar.

Was war mit obligaten Terminen?

Grill: Patientenanwälte und Unterbringungsrichter durften das Krankenhaus nicht mehr betreten – die Erstanhörungen und Verhandlungen fanden unter digitalen Rahmenbedingungen statt. Auch so hat sich hier das „Inselgefühl“ eingestellt.

Die größten Herausforderungen?

Grill: Es gab viele Situationen, die neu waren. Das Sekretariat und ich sind aus dem Büro aus- bzw. umgezogen. Wir hatten weniger Akutpatienten, die Tagesklinik war zu schließen. Es war schwierig mit Patienten mit der Diagnose Manie, die von ihrer Erkrankung her angetrieben sind und viel Platz brauchen. Ein Teil des Personals, vor allem aus dem Pflegebereich, wurde auf den Covid-Stationen gebraucht. Das war nur aufgrund der Schließung der Sozialpsychiatrischen Tagesklinik und der somit freigewordenen Ressourcen im Pflegebereich der Psychiatrie zu ermöglichen.

Welche Auswirkungen hatte der Corona-Lockdown auf die Patienten der Tagesklinik?

Grill: Die Tagesklinik wurde geschlossen, das Therapieangebot war nicht vor Ort. Die Patienten waren natürlich überrascht, zum Teil verängstigt. In den ersten Tagen und Wochen wurden von uns aktiv Telefongespräche und Beratungen durchgeführt. Die Tagesklinik Hollabrunn war in Österreich unseres Wissens die erste, die nach dem Lockdown wieder aufsperren durfte.

Wie wurde mit neuen Akutpatienten umgegangen? Wurden diese, als das Klinikum Covid-Spital war, aufgenommen?

Grill: Ja. Personen, bei denen es notwendig war, haben wir stationär behandelt. Es erfolgte ein intensiver Austausch mit Facharztkollegen über die Handhabung der aktuellen Situation. So konnten wir relativ rasch verschiedene Maßnahmen umsetzen. Wichtig war, den Akut- und Ambulanzbetrieb aufrechtzuerhalten für die Patienten, die zu uns kommen. Meine Kollegen, gemeinsam mit den Therapeuten, Pflegekräften und Verwaltungspersonal, haben hier tolle Arbeit geleistet.

Ein heikles Thema sind Suizide. Die Zahl dieser soll während der Coronakrise gestiegen sein. Deckt sich das mit Ihrer Wahrnehmung?

Grill: Es gab und gibt wiederholt Gerüchte, dass die Suizidalität mehr geworden ist. Kollegen aus Wien haben erhoben, dass in Wien (Stand September) die Suizidrate nicht gestiegen ist. Was gestiegen ist, sind sicher Nervosität, Ängstlichkeit und die Neigung zur depressiven Stimmung. In unseren Bezirken hatten wir zu Beginn kurz den Eindruck, dass die Suizidrate steigt, über die letzten Wochen ist dies gefühltermaßen nicht so gewesen – glücklicherweise!

Nach sechs Monaten Einschränkungen, Maßnahmen und vielen neuen Vorschriften: Was macht das alles mit den Menschen?

Grill: Es ist mittlerweile eine große Belastung – für uns alle. Die Menschen sind nicht nur belastet, sondern auch überlastet. Etwa Eltern, die im Homeoffice arbeiten müssen, während ihre Kinder zu Hause sind. Gerade die Akutpsychiatrie war geprägt von Krisengeschichten, von Ängsten mit und um Corona. Das hat sich vorübergehend reduziert. Wie es im Herbst und Winter sein wird, ist offen. Für manche war das Homeoffice aber auch eine Erleichterung, weil sie nicht mehr hinaus mussten. Prinzipiell ist die Stimmung eher gedrückt. Untersuchungen zeigen bereits, dass vor allem die jüngere Generation pessimistischer geworden ist.

Sollte eine zweite Welle tatsächlich kommen, sind Sie und Ihre Mitarbeiter bereit?

Grill: Wir sind jetzt sicher besser aufgestellt als zu Beginn der Coronakrise. Aber auch ein Stück erschöpfter.

Gibt es etwas, was Sie im Nachhinein anders machen würden als zu Beginn der Krise?

Grill: Hier kann ich nur für meinen Bereich sprechen: Wir haben Reflexionsseminare zum Thema Corona gemacht. Da haben wir uns gefragt: Was war gut? Was hat nicht so gut funktioniert? Wir haben uns bemüht, Konflikte, die es natürlich auch gegeben hat, gut zu bewältigen. Die Tagesklinik arbeitet unter neuen Bedingungen mit weniger Patienten, aber mit guten Ergebnissen. Die Akutstation hat auch klare Vorgaben zur Hygiene, Maskenverwendung etc., sodass wir unter den neuen Rahmenbedingungen gut für Patienten- und Angehörigenkontakte gerüstet sind. Letztlich hoffe ich natürlich, dass sowohl Mitarbeiter als auch Patienten unserer Abteilung möglichst von der Symptomatik der Corona-Erkrankung verschont bleiben.

Der Zuständigkeitsbereich der Abteilung für Sozialpsychiatrie im Klinikum Hollabrunn erstreckt sich auf die Bezirk Hollabrunn, Mistelbach, Korneuburg sowie – zur Hälfte – Gänserndorf.