Tiergestützte Pädagogik: Tiere als Brücke zu Kindern. In Magersdorf erfüllte sich Bettina Kellners Herzenswunsch: die Arbeit mit Mensch & Tier.

Von Sandra Frank. Erstellt am 04. Dezember 2020 (04:24)
Fotobombe: Pferd Neil will den beiden Eseln nicht allein das Rampenlicht überlassen und trabt kurzerhand ins Foto.
Sandra Frank

Neben dem ehemaligen Feuerwehrhaus von Magersdorf steht ein altes gelbes Haus, am Gartenzaun hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Asino – Tiergestützte Pädagogik“. Die NÖN schaute nach, was dort hinter dem italienischen Wort, das zu Deutsch Esel bedeutet, steckt.

Da ist Bettina Kellner mit ihrem Team. Die Teammitglieder haben vier Beine. Alles begann mit den beiden weißen Eseln Charly und Snoopy. „Ich bin mit Tieren aufgewachsen und habe schnell gemerkt, dass sie Seelentröster sind.“ Für Kellner war klar, dass sie beruflich mit Tieren arbeiten möchte. „Tierarzt fiel aber flach: Ich kann kein Blut sehen“, erzählt die Sonder- und Heilpädagogin, die eine Ausbildung im Bereich der tiergestützten Intervention abschloss.

„Mit den Tieren erleben die Kinder, dass es nicht nur Enttäuschungen gibt.“ Sonder- und Heilpädagogin Bettina Kellner

Am Hof begrüßen nicht nur die beiden Esel die Besucher, auch Muli und Pferd kommen angetrabt. Bevor’s zum Offenstall der Huftiere geht, kommt man bei Schafbock Shaggy und seinen drei Mädels vorbei. Hündin Zoe stößt dazu, wenn klar ist, dass der Gast keine Angst vor Hunden hat.

Bettina Kellner stammt aus Wien und suchte mit ihrem Mann nach einem Grundstück, auf dem sie die mittlerweile elfjährigen Esel halten konnte. Ein solches fand sie 2012 in Magersdorf. „Zuerst haben wir den Stall für die Esel gebaut, damit wir sie von Wien hierher holen können“, berichtet die Pädagogin.

Tiere zeigen, wie man Beziehungen aufbaut

Das Paar selbst lebte zwei Jahre in dem alten Haus, bevor dahinter ein neues errichtet wurde. Da stand auch schon die große Halle, damit Kellner und die Kinder bei der Arbeit vor Wind und Wetter geschützt sind.

Der Schwerpunkt der tiergestützten Pädagogik liegt darauf, traumatisierten oder entwicklungsverzögerten Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, Beziehungen aufzubauen. Zuerst zu den Tieren, dann zu den Menschen. So stehen zum Beispiel motorische Übungen – gemeinsam mit den Tieren – auf dem Plan. Etwa ein Parcours auf der großen Wiese, der gemeinsam gemeistert werden muss. Dafür seien die Esel perfekt. „Der Esel fordert eine Partnerschaft ein“, erklärt Kellner. Darum müssen die Kinder ihre Handlungen gut planen, wie sie Snoopy oder Charly dazu bringen, die Hindernisse mit ihnen gemeinsam zu überwinden.

Mit ihnen hat alles begonnen: Die beiden Esel Snoopy und Charly gehören zu Bettina Kellners Team am Magersdorfer Hof „Asino – Tiergestützte Pädagogik“.
Sandra Frank

Der Ruf des Esels, er sei stur, stimme nicht. „Er überlegt vorher, was er tut“, weiß die Heilpädagogin. So auch, wenn die Tiere erschreckt werden: „Das Pferd tritt die Flucht an. Der Esel bleibt stehen und überlegt: Zahlt sich die Flucht überhaupt aus?“

„Die Tiere sind meine Brücke zu den Kindern“, erzählt Kellner von ihrem Alltag. So gibt es etwa ein Kind, das erst einmal ausführlich Schafbock Shaggy streichelt, bevor es bei der Therapeutin zu sprechen beginnt. Viele wüssten nicht, wie man Beziehungen zu anderen aufbaut. Am Asino-Hof lernen die Kinder und Jugendlichen, wie sie sich verhalten müssen, damit das Gegenüber – im speziellen Fall die Esel oder auch Pferd Neil – mit ihnen mitkommt. „Da kommt es viel auf Körpersprache an“, erklärt Kellner. So lernen die Kinder, ihre eigene Energie zu dosieren und richtig einzusetzen. Bei vielen erfordert es zu Beginn auch Mut, sich dem großen Pferd gegenüberzustellen.

Das Herz geht der Therapeutin auf, wenn sie die Erfolge in der Entwicklung der Kinder beobachtet: „Das ist das Schöne an meiner Arbeit, dass ich Beziehungsangebote setzen darf. Mit den Tieren erleben die Kinder, dass es nicht nur Enttäuschungen gibt.“

Hündin Zoe ist, seit sie ein Welpe war, an Bettina Kellners Seite. Die Tiere möglichst jung zu bekommen ist ihr wichtig, damit sie sie besser einschätzen kann.
Kellner

Ein Hingucker sind übrigens die Spaziergänge, die Kellner mit den Kindern und ihren Vierbeinern macht. Hier rückt die Sonder- und Heilpädagogin nämlich nicht nur mit Hündin Zoe aus. „Kate begleitet uns auf den Spaziergängen. Sie läuft meistens ohne Leine neben uns her.“ Kate ist das jüngste Schaf der Asino-Herde. „Sie zaubert anderen Spaziergängern immer ein Lächeln ins Gesicht“, beobachtet Kellner.

Wie sucht sie die Therapie-Tiere eigentlich aus? „Manche finden mich“, muss sie schmunzeln, wenn sie daran denkt, dass ihr Schafbock Shaggy ihr beim ersten Treffen 40 Minuten nicht von der Seite gewichen ist, um Streicheleinheiten einzufordern. „Die Tiere müssen Spaß an der Arbeit haben und gern mit Menschen interagieren“, zählt sie auf, welche Eigenschaften die Vierbeiner am Hof mitbringen müssen.