Ärztemangel in Hollabrunn: „Wartezeit ist Zumutung“. Patientin wechselte Arzt, weil sie nicht vier Stunden im Wartezimmer verbringen will. Mediziner Helmut Pairleitner: „Es wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden.“

Von Sandra Frank. Erstellt am 20. Februar 2019 (05:05)
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So sah’s bei Doktor Pairleitner nach den Semesterferien aus: Eine halbe Stunde, bevor die Ordination im Hollabrunner Ärztezentrum öffnete, standen die Patienten am Gang in Schlange.

Eine Hollabrunnerin war eine halbe Stunde vor Ordinationsbeginn im Hollabrunner Ärztezentrum, um unter den Ersten zu sein, die behandelt werden. Doch diese Idee hatten auch rund 15 weitere Patienten: „Bis ich wieder gegangen bin, reichte die Schlange sogar bis zum unteren Eingang des Ärztezentrums“, erinnert sich die Betroffene an diesen Februartag.

Bis zur Anmeldung war eine Stunde vergangen. „Ich wäre kaum vor 12 Uhr drangekommen, weil so viele Patienten vor mir gereiht waren.“ Eine Wartezeit, die die Frau nicht in Kauf nehmen will: „Dann erwische ich den Zug um 12.45 Uhr und bin erst um 13 Uhr in der Arbeit.“

„Sie sind alle spitze und haben meine volle Bewunderung, wie sie so einen Ordinationstag schaffen!“Eine Patientin aus Hollabrunn, die ihren Arzt mag, die langen Wartezeiten aber nicht.

Eine Stunde zu warten, sei kein Problem, aber vier Stunden wären einfach eine Zumutung. Das zeigte sich auch in der Stimmung der Patienten. „Das ist leider kein Einzelfall. Ich plane für Arztbesuche immer mindestens drei Stunden ein.“

Sie sah sich nun gezwungen, den Arzt zu wechseln. Leider, wie sie betont, immerhin war sie zehn Jahre zufriedene Patientin. „Ich bin berufstätig und arbeite gerne. Ich kann nicht den halben Tag beim Arzt versitzen.“

Wichtig ist der Hollabrunnerin eines: „Das ist keine Kritik an dem Herrn Doktor und an seinem Team. Sie sind alle spitze und haben meine volle Bewunderung, wie sie so einen Ordinationstag schaffen!“ Sie wolle lediglich auf den Ärztemangel aufmerksam machen.

Der Mediziner, der nun eine Patientin verloren hat, ist Helmut Pairleitner, der seine Ordination im Ärztezentrum in der Sparkassegasse hat. Weil die Praxis während der Semesterferien geschlossen war, sei es an besagtem Tag nach dem Urlaub zu einem solchen Andrang gekommen.

Die Hollabrunner würden außerdem die Montage und Freitage bevorzugen, um zum Arzt zu gehen. „Da staut es sich immer. Das ist für uns auch oft ein Wahnsinn“, seien er und sein Team aber stets bemüht, sich gut und rasch um die Patienten zu kümmern.

„Die meisten jungen Ärzte gehen ins Ausland“

Ein enormer Andrang nach einem Urlaub sei aber keineswegs ein Phänomen, das nur ihn betreffe. „Das ist bei allen Kollegen so“, berichtet Pairleitner im Gespräch mit der NÖN.

Auf den Ärztemangel angesprochen, meint der Allgemeinmediziner: „Ich würde das anders herum betrachten: Wir müssen heilfroh sein, dass die offenen Stellen von Frau Doktor Ruzicska in Hollabrunn und Doktor Lechner in Göllersdorf nachbesetzt werden konnten.“

Denn er prophezeit, dass sich die Lage in den nächsten Jahren sehr verschlechtern werde, da landesweit um die Hälfte der praktizierenden Allgemeinmediziner in den Ruhestand übergehen wird.

Pairleitner ist sicher, dass nicht alle Ordinationen, vor allem jene in Dörfern, nachbesetzt werden. Warum? „Es gibt zu wenig junge Ärzte und die meisten davon gehen ins Ausland.“ Dort sei die Arbeit attraktiver, konkret meint er damit: „Es gibt mehr Geld.“