Theatergruppe arbeitete Kriminalfall Julia K. noch einmal auf

Jahrelang hat das Schicksal von Julia K. aus Pulkau den Bezirk Hollabrunn in Atem gehalten. Die damals 16-Jährige verschwand im Juni 2006 spurlos. Erst fünf Jahre später, am 30. Juni 2011, wurde ihr Skelett in einem Keller in Dietmannsdorf, unweit ihres Heimatortes, gefunden. Ein Theaterstück befasst sich nun mit dem aufreibenden Kriminalfall.

Erstellt am 05. Dezember 2021 | 17:18
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Wie funktioniert das Geschworenengericht? Woher rührt unsere Faszination für das Genre „True Crime“? Welche Geschichten werden erzählt und welche Perspektiven eingenommen? Fragen sind es, die die Uraufführung von „Der Fall Julia K.“ bestimmen.
Foto: Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Eine der Fragen, die sich bei „Der Fall Julia K. – Ein Stück True Crime“ stellen, lässt Regisseur Felix Hafner einen Seelsorger formulieren, der nicht an die Schuld des wegen Mordes Verurteilten glaubt: „Wie viel Gerechtigkeit verdient ein Ungustl?” Und zu wie viel Gerechtigkeit ist das „natürliche Rechtsempfinden” von Geschworenen fähig, die laut Handbuch damit der „juristischen Routine” entgegenwirken sollen? „Eine Berufsrichterin hätte Michael K. wahrscheinlich nicht verurteilt”, lautet eine der gewagtesten Ansagen des 100-minütigen Abends.

Urteil beruhte rein auf Indizien

Daraus entspinnt sich bei der Produktion des Wiener Volkstheaters im VZ Brigittenau - die Premiere fand kurz vor dem neuerlichen Lockdown statt - eine Spurensuche, die das Publikum mitnimmt, selbst Beweisketten und Spuren zu hinterfragen. Denn die waren im Prozess, der 2013 zu Ende ging, das Problem. Der Videothek-Besitzer Michael K. wurde nach einem siebentägigen, medial breit diskutierten Prozess von einem Geschworenengericht wegen Mordes verurteilt. Doch wie kam dieses Urteil trotz nicht feststellbarer Todesursache zustande? Und ein Geständnis legte der Mann auch nicht ab.

Das Kollektiv „Institut für Medien, Politik und Theater” rund um den jungen Regisseur Felix Hafner hat sich nach eigenen Angaben durch den kompletten Gerichtsakt gekämpft, recherchiert, sich durch unzählige Indizien gewühlt und Interviews geführt. „Man fühlt sich abwechselnd in Aktenzeichen XY ungelöst (widersprüchliche Beweise!) und in der Verfilmung eines Ferdinand-von-Schirach-Bestsellers“, schrieb die Tageszeitung "Der Standard" über die Uraufführung.

Wichtigste Frage bleibt offen

„Wie kann man den Fall Julia K. neu betrachten?”, lautet die zu Grunde liegende Frage des fünfköpfigen Ensembles im Stück, das in einem kleinen Zimmer mit grauer Rück- und Pinnwand an der Arbeit ist. Gar nicht, lautet das Fazit. Aber man kann jene Grundzweifel über die Ermittlungen und den Prozessverlauf, die den Fall immer schon begleitet haben, nochmals strukturiert formulieren. Und so muss die eine und wichtigste Frage auch an diesem Abend unbeantwortet bleiben: „Ab wann ist jemandes Schuld hinreichend klar?“