Das Unheimliche in der Kunst im Krinzinger Lesehaus

Gespräch über das Unheimliche in der Kunst

Erstellt am 14. Oktober 2021 | 10:07
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Foto: Filmstill aus dem Film von Clemens Hollmann, Stefanie_2412

Die Anfahrt mit dem Shuttlebus vom Stadtpark in Wien zum Krinzinger Lesehaus in Untermarkersdorf gestaltete sich überaus angenehm. Beim Krinzinger Lesehaus angekommen, standen bereits Erfrischungen und Knabbereien bereit. Nach einer Eröffnungrede von Frau Dr. Krinzinger und einleitenden Worten von Dr. Matthias Traimer, begannen Dr. August Ruhs und Dr. Elisabeth von Samsonow mit der Thematik des Unheimlichen in der Kunst.

Unterschiedliche Blickwinkel auf das Thema wurden eröffnet. Sigmund Freuds Text über das Unheimliche von 1919 war ein wesentlicher Bestandteil des Gesprächs. Die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen und Erinnerungen mit dem Unheimlichen wurden geteilt und diskutiert. Schuhe, die unter dem Vorhang zu erkennen sind, ähnlich wie bei dem Werk der Medienkünstlerin Chantal Michel, welches eine Frau hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang zeigt, wurden als Beispiel unheimlicher Assoziationen genannt.

Unheimliches erklären, Unheimliches schaffen

Der Begriff des Unheimlichen, der aufgrund seiner konträrlogischen Verdichtung nur bedingt in eine andere Sprache übersetzbar ist, umfasst Phänomene, die Freud 1919 in einem gleichnamigen Essay einer eingehenden Analyse unterzogen hat. Der Angst verwandt, dem Beunruhigenden und Bedrohlichen aber näherstehend, vereinigen sich im Unheimlichen mit seinem Gehalt an unbewussten Erfahrungen und deren Wiederkehr eine Reihe von Gegensätzlichkeiten, die das Vertraute und das Fremde, den Zweifel und die Gewissheit, das Lebendige und das Tote als verstörende Einheiten mit dem Erlebnischarakter von Ahnung, Vorzeichen und magischem Denken hervortreten lassen.

Mannigfaltigen und spontanen Alltagserfahrungen steht ein fiktives Unheimliches gegenüber, welches nicht nur einen umschriebenen Gegenstandsbereich literarischen und künstlerischen Schaffens darstellt, sondern vielmehr als Keim der Literatur und der Kunst immer schon innewohnt.

Gerade in einer Zeit, die unser gewohntes Denken und unsere bislang haltgebenden kategorialen Systeme unter Schaffung neuer Mentalitäten, Subjektivitäten, und Identitäten nachdrücklich in Frage stellt, bewegt sich auch die Kunst bevorzugt in Zwischenbereichen und stellt uns vor Erfahrungen, denen ein Unheimlichkeitscharakter nicht abzusprechen ist.

In enger Verschränkung mit Wissenschaft und Technologie, sei es als Cyber-Art, sei es in der Herstellung von Doppelgängerapparaturen, Homunculi und künstlichen Intelligenzen, lädt sie uns zu transhumanen Grenzgängen ein, welche nicht ohne Beeinträchtigung unserer existenzsichernden Selbstgewissheit und unseres menschlichen Alleinstellungsmerkmals einhergehen. Beunruhigende, über archaische und utopische Phantasmen hinausreichende Wirklichkeiten, deren Faszination wir uns gleichwohl nicht ganz entziehen können. (Dr. August Ruhs, 2021)

Um das Unheimliche zu diskutieren ist das Weinviertel mit seiner ausgedehnten Unterwelt der richtige Ort. Die weitläufigen Keller laden ein und schrecken ab, die langen Röhren unter der Erde signalisieren zugleich Geborgenheit und Horror. Ihre Aneinanderreihung erinnert an die Nekropolen des antiken Italien und Griechenlands. Die heute leeren und nutzlos gewordenen Riesenkörper, die weder Wohnung noch reine Natur sind, bilden Gegenstände für eine Meditation, deren Objekt ambivalent ist, genauso mit dem Leben wie mit dem Tod verbunden.

Elisabeth von Samsonow nimmt sich das Thema des Unheimlichen vor dem Hintergrund dieser Weinviertler Besonderheit vor, wobei sie die Aufmerksamkeit auf die plastische Form unheimlicher Körper richtet. Eine Anregung dazu bildet neben Sigmund Freuds einschlägigem Text das legendäre Ausstellungsprojekt „The Uncanny“ von Mike Kelley in der Tate Liverpool aus dem Jahr 2004. (Dr. Elisabeth von Samsonow, 2021)