Der Weg zum Nationalpark Thayatal: "Hart, aber schön"

Am 1. Jänner 2000 wurde der Nationalpark Thayatal verordnet. Doch die Unterschrift auf diesem Vertrag war noch das einfachste, berichtete der ehemalige Landeshauptmann Erwin Pröll bei einem Abend der Weggefährten im Nationalparkhaus. Neben Pröll plauderten noch weitere Zeitzeugen aus dem Nähkästchen und teilen ihre Erinnerungen, wie das Land entlang der Thaya zum Schutzgebiet wurde.

Erstellt am 21. Oktober 2021 | 06:53

Ein spannendes Geschenk machte der Verein „Freunde des Nationalparks Thayatal“ seinen Mitgliedern: einen Abend mit Weggefährten des Nationalparks.

Das Podium war vielversprechend: Erwin Pröll, der als damaliger Landeshauptmann mithalf, die Idee des Nationalparks zu realisieren. Franz Kraus, Sprecher der Bürgerinitiative. Martin Skorpek, der sich auf tschechischer Seite für den Nationalpark starkmachte. Franz Maier, Präsident des Umweltdachverbandes. Norbert Kellner, damaliger Bürgermeister von Hardegg. Und Christian Übl, einstiger Praktikant und heutiger Direktor des Nationalparks.

Angelika Schöbinger-Trauner führte durch den Abend und entlockte den Männern Erinnerungen an vergangene Tage. So idyllisch, wie das geschützte Areal nun ist, war der Weg dorthin bei weitem nicht. Daran erinnerte sich Altbürgermeister Kellner gut: „Es war eine harte Zeit; es war eine schöne Zeit.“

Auslöser für langen Kampf: ein Kraftwerk an der Thaya sollte entstehen

 Auf tschechischer Seite sollte die Thaya aufgestaut werden, um ein Kraftwerk zu errichten. Das hätte zur Folge gehabt, dass der Fluss vor allem im Sommer zu einer Schlammwüste wird. „Wir haben beschlossen: Das lassen wir uns nicht gefallen“, schilderte Kraus. Das war im Jahr 1983.

„Es ist ein erhebender Augenblick, zu sehen, dass aus dem ersten Zornesanfall so etwas entstanden ist“, blickte er sich mit Stolz im Nationalparkhaus um. Und so begannen die emotionalen Zeitzeugenberichte.

Es wurden Unterschriften gesammelt – am Ende waren es 6.000 -, ein einstimmiger Gemeinderatsbeschluss in Hardegg wurde gefasst: Die Thaya darf nicht aufgestaut werden! 13 Gemeinden unterstützten dieses Ansinnen mit einer Resolution. Fast 30 Flugblätter („Jedes Flugblatt waren fast zehn Stunden Telefonat.“) wurden von der Bürgerinitiative verteilt.

Ein Kraftwerk an der Thaya? "Der falsche Weg", sagte Erwin Pröll

Entscheidungsträger und hochrangige Politiker wurden eingebunden. So auch Erwin Pröll, der zu Beginn des Kampfes noch stellvertretender Landeshauptmann war. „Die Bürgerinitiative war sehr öffentlichkeitswirksam“, erinnerte er sich, wie hartnäckig Kraus und sein Kompagnon Helmut Salek waren.

Pröll wusste ebenfalls: Ein Kraftwerk an der Thaya, das war der falsche Weg. Er wollte die Natur erhalten. Als er etwa 1985 mit einer Delegation um den damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky in Prag war, gelang es ihm, das Thema ganz offiziell anzusprechen. Das blieb in der damaligen Tschechoslowakei nicht unbemerkt. „Wir haben gehört, dass der geplante Stausee aufgrund von Interventionen auf höchstem Regierungsniveau nicht gebaut wurde“, erzählte Skorpek.

Nach langer Nacht war klar: ein bilateraler Nationalpark soll entstehen

Der Tscheche verbrachte als Student 1989 ein paar Tage in Hardegg, weil er sehen wollte, was auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs war. Dort traf er auf Franz Kraus. „Wir haben die halbe Nacht mit Händen und Füßen über den Naturschutz gesprochen und haben unser gemeinsames Ziel festgelegt: ein bilateraler Nationalpark“, erinnerte sich das Urgestein des Nationalparks. Kraus freute sich über den ersten Etappensieg: Teile des heutigen Nationalparks waren zum Naturschutzgebiet erklärt worden.

Nicht ohne Stolz schilderte Skorpek: „Wir waren schneller. Bei uns war alles im Umbruch, da ging es besser.“ Gemeint war, dass das Gebiet auf tschechischem Staatsgebiet bereits 1991 zum Nationalpark erklärt wurde. Das setzte die Österreicher unter Druck. „Gott sei Dank“, war für Pröll klar, dass sein Land nachfolgen musste. Er wusste: Ein grenzüberschreitender Nationalpark muss rasch gelingen. „Er war eine Chance für dieses Europa, direkt am Eisernen Vorhang zusammenzuwachsen.“

Verhandlungen für Grundablösen "waren furchtbar"

Doch nicht alle waren dieser Meinung: Wenn der ehemalige Landeshauptmann an die Grundablöse zurückdenkt, bereitet ihm das heut noch Schmerzen, sagte er, denn eine Freundschaft war daran zerbrochen. „So ist das eben, wenn es um das große Ganze geht“, war Pröll bereit, dieses Opfer zu bringen. Auch Altbürgermeister Kellner beschrieb die Grundablösen als „furchtbar“.

Schließlich war es geschafft: am 1. Jänner 2000 wurde der Nationalpark verordnet, die Verträge wurden unterschrieben. „Wir haben beobachtet, mit welchen Schwierigkeiten das verbunden ist“, hatten Skorpek und seine Mitstreiter auf der anderen Seite der Staatsgrenze mitgefiebert. 

"Nationalpark ist ein Identifikationsprojekt"

Die Freude war groß, als der Nationalpark Thayatal gegründet wurde. „Hüben wie drüben“, betonte Kellner. „Es war ein Volksfest, alle waren auf der Straße. Es ist ein Identifikationsprojekt“, sprach Maier den Erfolgsfaktor an: „Der Park war von allen gewünscht.“ Hier nickte der erfahrene Landespolitiker Pröll: „In der Politik tut man sich leichter, wenn man Rückenwind hat.“

Die Natur im Thayatal war der Grund, weshalb sich Christian Übl für ein Biologiestudium entschied. Er war 15, als er die Bürgerinitiative mit seiner Unterschrift unterstützte, Anfang der 1990er absolvierte er ein Praktikum in den Donau-Auen, heute ist er Direktor des Nationalparks Thayatal. 

Was ihm an der Entstehungsgeschichte „seines“ Nationalparks imponiert? „Einigkeit mit den Grundeigentümern hat es nicht gegeben, trotzdem gibt es den Nationalpark.“ Und: Österreich hat verhindert, dass das tschechische Kraftwerk an der Thaya gebaut wird. „So wurde die Thaya nicht zerstört.“ Franz Kraus fasste schmunzelnd zusammen: „Die Arbeit hat was genützt. Ich bin nicht umsonst Stunden durchs Thayatal gehatscht.“