„Aus“ für das Atelier von Helmuth Gräff

Erstellt am 01. Oktober 2022 | 04:34
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Helmuth und Sonja Gräff vor einer kleinen Auswahl der Ölbilder im Hintergrund und einem Triptychon im Vordergrund mit dem Titel „To whom the bell tolls“ („Wem die Stunde schlägt“) nach dem Roman von Ernest Hemingway – verfilmt mit Gary Cooper und Ingrid Bergmann. Untertitel: „The crumbling time“ („Die zerfallende Zeit“).
Foto: Rupert Kornell
Aus gesundheitlichen Gründen schließt der bekannte Garser Künstler seine „Werkstatt“ in Gars. Für gut 400 Ölbilder und mehr als 50.000 Zeichnungen hat er schon eine sichere Bleibe gefunden.

„Ich werde leiser treten, es geht nicht mehr so, wie ich will, die Schmerzen werden immer schlimmer“, begründet der Garser Künstler Helmuth Gräff, warum er sich zurückzieht und sein Atelier in der Schillerstraße (workingspace) mit Ende Oktober schließt.

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Viele Wände im Atelier der Gräffs in der Schillerstraße sind voll mit Zeichnungen in verschiedenen Techniken, auch mit sogenannten „Woodies“, wie die beiden großformatigen Bilder im Vordergrund.
Foto: Foto Rupert Kornell

„Helmuth hatte vor 27 Jahren einen Radunfall, bei dem er sich einen doppeltem Halswirbelbruch zugezogen hatte, von dem er sich nie erholt hat“, nennt seine Gattin Sonja den hauptsächlichen Grund für dessen „Rückzug“. So hatte er in den letzten Jahren nur mehr sehr wenige Ölbilder gemalt und sein Schaffen vor allem auf das Anfertigen von Zeichnungen verlegt. Von letzteren gibt es über 50.000 (!), von den Ölbildern gut 400, die nun zu einem kleinen Teil ins Privathaus wandern, zum überwiegenden Teil aber in eine sichere Verwahrungsstätte.

Wie alles begann. Der heute 64-jährige gebürtige Garser hatte, wie er selbst sagt, als Kind und Jugendlicher eigentlich gar kein Interesse für Kunst, „das Kicken war viel interessanter, ich war nicht untalentiert und habe in einigen Jugendauswahlen gespielt, bis mich eine Knieverletzung gestoppt hat“. Nach der Hauptschule in Gars besuchte er das Gymnasium in Horn, brach aber mit 17 ab, „denn ich brauche keine Matura“. In dieser Zeit fiel ihm ein Porträt von Vincent van Gogh in die Hände, das ihn so faszinierte, dass er sich ab nun der Malerei zuwandte.

Gräff besuchte nach erfolgreicher Aufnahme die Hochschule der Akademie der Bildenden Künste („Dafür braucht man keine Matura!“) und schloss in kürzester Zeit das Studium – unter anderem bei Friedensreich Hundertwasser – mit dem „Magister artium“ und als „Akademischer Maler“ ab.

Sprung ins kalte Wasser. Noch unbekannt hielt er sich mit verschiedensten Tätigkeiten über Wasser, ehe er mit 30 den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. „Das ist nach einiger Zeit aufgegangen, ich habe davon leben können“, erinnert er sich. Schließlich hat ihn ein Wiener Galerist entdeckt und unter Vertrag genommen.

Ölbilder und Zeichnungen. Stilistisch ordnet er sich bei seinen Gemälden, die er mit Ölfarben auf Leinen malt, als „österreichischer Expressionist mit fernöstlichen Tendenzen und religiösem Hintergrund“ ein, seine Zeichnungen entstehen in verschiedensten Techniken. „Hauptsächlich sind es Tusche und Filzstifte, aber auch Farbkreiden, sogenannte ,Woodies‘, weil sie in einer Holzschatulle verpackt sind. Ich habe auch schon mit Kielen von Gänsen und Straußen gearbeitet“, erzählt er im NÖN-Gespräch.

Seine Arbeiten entstanden in früheren Jahren fast ausschließlich in der Natur. „Einmal habe ich beim Besuch eines Blumenfeldes 40 verschiedene Bilder gemalt“, macht er deutlich, wie sehr ihm dieser Teil der Arbeit wichtig ist. Aber auch Stillleben oder Porträts – mit Vorliebe seine Gattin Sonja („Ohne sie wäre ich nichts!“) hat er im Repertoire.

Schauplätze sind nicht nur die Umgebung von Gars, sondern nahezu das gesamte Wald- und Weinviertel, Niederösterreich im Allgemeinen, auch Bilder aus anderen Bundesländern finden sich wie solche, die in Bali, in Florida, in der Toskana, am Gardasee, in Umbrien oder in Südfrankreich in der Provence entstanden sind. „Zuletzt habe ich das Reisen eingestellt, es war einfach zu beschwerlich.“

Nicht nur Maler, auch Dichter. Ein wichtiger Teil seines Schaffens ist für ihn das Dichten, das er als sein „Vormittagsprogramm“ bezeichnet. „So an die 700 bis 800 Gedichte pro Jahr werden es schon sein“, berichtet Gräff. Dieser Tätigkeit will er weiter nachgehen – und seine Doktorarbeit abschließen. Sie behandelt den Vergleich von westlichen mit fernöstlichen Künstlern etwa von Bali, Indien oder Tibet seit der Renaissance und die verschiedenen Meditationszustände.

Gräffs Bilder finden sich bei vielen privaten Sammlern, und natürlich auch in Museen, etwa in der Landesgalerie Niederösterreich, wo man sich seine Bilder auch ausborgen kann.

Am nächsten Wochenende, 8. und 9. Oktober, ist das Atelier jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet bzw. im Zuge der „NÖ Tage der offenen Ateliers“ auch am 15. und 16. Oktober jeweils von 10 bis 18 Uhr. An diesen Tagen gibt es zum letzten Mal die Möglichkeit, sich auf über 450 m² Atelierfläche zwischen hunderten Ölbildern und zigtausend Zeichnungen zu bewegen, bevor das Atelier endgültig geschlossen wird.

„Aber ich höre nicht auf mit meiner künstlerischen Tätigkeit“, verspricht Gräff, „ich werde auch weiterhin malen, zeichnen und dichten, aber halt in eingeschränktem Umfang“.