Horner Arbeiterkammer: „Wir rechnen mit Insolvenzen“. Horner Bezirksstelle verzeichnet um 59 Prozent mehr Beratungsgespräche als im Vergleichszeitraum 2019.

Von Rupert Kornell. Erstellt am 12. August 2020 (04:23)
Auf fast 4.000 Beratungen im ersten Halbjahr 2020, das sind um 59 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, können Robert Fischer, der Horner Bezirksstellenleiter der Arbeiterkammer NÖ, und die beiden Kammerräte Manfred Popp (links) und Josef Wiesinger (rechts) verweisen.
Rupert Kornell

Geradezu explosionsartig zugenommen haben die Beratungen der Horner Bezirksstelle der Arbeiterkammer (AK) NÖ im ersten Halbjahr: 3.953 heuer sind um 59 Prozent (!) mehr als im gleichen Zeitraum 2019.

„Am häufigsten gefragt war unsere Unterstützung bei Problemen am Arbeitsplatz und in sozialrechtlichen Fragen“, teilte Bezirksstellenleiter Robert Fischer im Gespräch mit der NÖN mit und verwies auf 83.802 Euro, davon fast 74.000 im Arbeits- und Sozialrecht, die für die AK-Mitglieder erstritten wurden.

„Manchmal habe ich mir gedacht: Hört denn das Telefon gar nicht zu Läuten auf?“Robert Fischer verdeutlicht, wie viele zuletzt Rat bei der Arbeiterkammer suchten

Das Gros der Beratungen erfolgte telefonisch, weil sich natürlich auch die AK-Mitarbeiter im Homeoffice befanden und ein persönlicher Kundenverkehr nicht möglich war. „Manchmal habe ich mir gedacht: ,Hört denn das Telefon gar nicht zu Läuten auf?‘“, erinnert sich Fischer an die Lockdown-Phase.

Mit einem Beispiel für viele erläuterte er, wie wichtig der Kontakt mit der AK ist: Vier Mitarbeiter waren vom Arbeitgeber zum Arzt geschickt worden, um abzuklären, ob sie zur Risikogruppe zählen, was dieser mit einem Attest bestätigte.

Damit wurden sie vom Dienst freigestellt. „Als Ende April kein Lohn eintraf, wandten sie sich an die AK“, berichtete Fischer. Der Arbeitgeber argumentierte, für den April müsse er keinen Lohn übernehmen, weil die Verordnung der Bundesregierung erst mit 4. Mai in Kraft getreten sei. Aber der AK-Arbeitsrechtexperte stellte klar, dass die Verordnung auch rückwirkend gilt und daher der Arbeitgeber zur Lohnzahlung verpflichtet ist. Die Folgerung für Fischer: „Lieber einmal mehr bei der AK Rat einholen als einmal zu wenig!“

„Derzeit haben wir deutlich mehr Anfragen zum Thema Urlaub“

Ruhiger geworden sei es auch nach Ende des Lockdowns nicht, stellte Kammerrat Josef Wiesinger fest: „Derzeit haben wir deutlich mehr Anfragen zum Thema Urlaub: Muss ich dem Arbeitnehmer sagen, wohin ich im Ausland auf Urlaub fahre? In welches Land darf ich fahren? Meine Reise wurde vom Reisebüro storniert, muss ich den Urlaub dennoch konsumieren?“, nennt er Beispiele.

Ein Thema seien in den nächsten Monaten auch Insolvenzen: „Es wird sich zeigen, wie sehr Konjunkturpakete und die bisherigen Unterstützungen das Schlimmste verhindern können. In einzelnen Branchen werden wir vermehrt mit Insolvenzen rechnen müssen.“ Weil in den vergangenen Monaten auch die Laienrichter nicht tagen konnten, kämen jetzt auf diese auch viele arbeitsrechtliche Verhandlungen zu.

Dass die Arbeiterkammer in diesen schwierigen Zeiten ein verlässlicher Partner ist, darauf wies Kammerrat Manfred Popp hin: „Wir sind sehr gut aufgestellt und ein verlässlicher Partner. 110.000 Niederösterreicher sind bisher beraten worden, um 50 Prozent mehr als 2019“, betont er.