Zoff um Bäume am Altstadtberg. Gutachten sorgte für Aufschrei bei Anrainern am Altstadtberg in Drosendorf. Bürgermeister ist gesprächsbereit.

Von Thomas Weikertschläger. Erstellt am 03. März 2021 (05:04)
An den „schönen, alten Bäumen“ – dieses Foto entstand im Vorjahr – am Altstadtberg wollen sich Anrainer auch weiter erfreuen.
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Sorge herrscht derzeit in Teilen der Drosendorfer Bevölkerung, dass der Baumbestand am Altstadtberg gefällt werden muss. Denn zu diesem Schluss kommt ein Gutachten eines Sachverständigen. Die Stadtgemeinde informierte die Bevölkerung mittels Postwurfsendung über dieses Gutachten. Daraufhin formierte sich vor allem auf der Facebook-Seite des „Drosendorfer KUKUK“ Widerstand gegen die Fällungen.

Bürgermeister Josef Spiegl: „Letztes Wort noch nicht gesprochen.“
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Gutachten: „Verkehrssicherheit nicht sicher“. Im Gutachten heißt es unter anderem, dass der Baumbestand „durchwegs geschädigt“ – teilweise stark bis massiv – sei. Es seien durchwegs alte Bäume in der Oberschicht kontrolliert worden, die an stark frequentierten Wegen stehen und grobe Wurzelschäden aufweisen, wodurch Pilze in die Pflanzen eingedrungen seien. Aufgrund des Zustandes vieler Exemplare sei auch die Statik dieser Bäume und damit des gesamten Baumbestandes in Mitleidenschaft gezogen, heißt es weiter. Da durch das Areal viele stark frequentierte Wege führen, müsse man die „Verkehrssicherheit“ der Bäume bewerten. Sie sei aber bei den meisten nicht mehr gegeben. Es seien zwar teilweise „wenig bis gar nicht“ geschädigte Bäume vorhanden. Wenn man aber die geschädigten Linden entferne, werde der gesamte Bestand instabil und so würden auch die verbleibenden Bäume ein hohes Verkehrsrisiko darstellen, sagt das Gutachten.

Anrainer prangern „Versäumnisse“ der Stadtgemeinde an. Die Stadtgemeinde Drosendorf-Zissersdorf habe es jahrzehntelang verabsäumt, etwas für die Erhaltung und Pflege der „einmaligen Baumlandschaft“ am Altstadtberg zu tun, betont Felix Lintner, auf dessen Privatgrund in der Altstadt zwei 120 bzw. 200 Jahre alte Linden stehen. Er pflege seine Bäume gemeinsam mit Fachleuten. Die Stadtgemeinde habe dies bei den großteils 100 bis 150 Jahre alten Linden, „die uns alle Jahr für Jahr erfreuen und vielen Tieren Schutz und Lebensraum geben“ am Altstadtberg verabsäumt, schreibt Lintner in einem Mail an die Stadtgemeinde, das auch der NÖN vorliegt.

Jetzt gehe die Stadtgemeinde – ohne Alternativen in Betracht zu ziehen – an die einfachste Lösung: die Fällung der Bäume. Auch die Familien Markus und Maria Skarohlid, Johannes und Julia Skarohlid sowie Dominik und Andrea Plessl aus der Altstadt meinen, das „offensichtlich jahrzehntelange Versäumnis der Gemeinde, für eine qualifizierte Baumpflege zu sorgen, kann nicht mit einem derart brutalen Kahlschlag enden“.

Anrainer fordern neue Gutachten. Man hätte lieber im Vorfeld die Bürgermeinung einholen und nicht überfallsartig reagieren sollen. Die Forderung der Altstadtbewohner laute daher, dass die Gemeinde weitere – unabhängige Gutachten – einholen solle, etwa von der Boku in Wien, um klarzustellen, welche Sanierungsmöglichkeiten in Frage kommen. „Eine Schlägerung soll nur die allerletzte Maßnahme sein“, fordern sie.

Gegengutachten von Waitzbauer: Maßnahmen notwendig, aber: Revitalisierung. Der Drosendorfer Biologe Wolfgang Waitzbauer berichtet in seinen Anmerkungen zu den vorgesehenen Rodungsarbeiten, dass nur etwas weniger als ein Viertel der hohen alten Bäume bereits tot oder so geschädigt seien, dass sie entsorgt werden müssen. Zudem stehen laut Waitzbauer nur wenige davon in unmittelbarer Nähe der Wege. Dazu sind zwischen einem Drittel und der Hälfte der Bäume im oberen Bereich abgestorben oder werden das in absehbarer Zeit sein. Dennoch müssten diese Bäume nicht entfernt, sondern nur fünf bis sieben Meter über dem Boden „heruntergeschnitten“ werden. Dadurch könnten sie neu austreiben und wären „völlig ungefährlich“.

Dazu solle man jüngere und gesunde Bäume auch auf sechs bis sieben Meter herunterschneiden – besonders bei Einzelstellung –, damit diese Bäume keine Angriffsfläche bei starker Windeinwirkung bieten. Damit könne man einen Großteil der Allee revitalisieren und die Gemeinde könne zeigen, dass „sie bemüht ist, diese als Naturdenkmal ausgewiesene Allee zu erhalten“, so Waitzbauer. Zudem könne man von den toten Bäumen zumindest ein bis zwei Meter hohe Teile stehen lassen, um sie als Lebensraum für Totholz bewohnende Käfer als Artenschutzprojekt zu erhalten. Der Bestand der Jungbäume müsse geschont und erhalten werden, damit auch in Zukunft ein dichter Baumbestand als Mittel gegen Erosion und Austrocknung vorhanden sei.

Bürgermeister Spiegl gesprächsbereit. Auf NÖN-Nachfrage erklärte Bürgermeister Josef Spiegl, dass es noch nicht fix sei, dass der gesamte Baumbestand am Altstadtberg wegkomme. Man wolle noch Begutachtungen seitens der Bezirkshauptmannschaft abwarten. Er verstehe die Sorgen der Altstadtbewohner und wolle klarstellen, dass es ihm „keine Freude“ mache, Bäume umschneiden zu müssen. Die großen Bäume zu fällen, den Unterwuchs aber stehen zu lassen, sei eine Option, die er aber in Erwägung ziehen wolle:

„Wir wollen das so schonend wie möglich machen.“ Zu bedenken gibt er aber, dass er auch häufig von Bürgern angesprochen werde, die Angst hätten, dass die toten Bäume vom Wind umgeschmissen werden könnten. „Und was ist, wenn so etwas passiert und jemand dabei zu Schaden kommt? Dann haftet der Bürgermeister“, spricht Spiegl die Haftungsfrage an. Man könne natürlich mehrere Gutachten einholen, unter dem Strich gelte dann aber das schlechtere. „Wenn es ein Gutachten gibt, das die komplette Fällung empfiehlt und ich halte mich nicht daran und dann passiert etwas, wirft man mir Amtsmissbrauch vor“, meint der Bürgermeister.

Für die Sommerpromenade – auch hier stehen einige alte Sommerlinden – gab es übrigens am 1. März eine gemeinsame Begehung mit Waitzbauer. Man wolle auf dessen Expertise in dieser Frage nicht verzichten, so Spiegl.

Umfrage beendet

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