Was die Jugend statt Alexa reizt. 1945, Eiserner Vorhang & 1989: Ist das unter 20-Jährigen wurscht? Nicht unbedingt, sagen Historiker & Zeitzeugen.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 02. Oktober 2019 (04:34)
Karin Widhalm
Fachkatalog aus der Taufe gehoben (v. l.): Kulturstadtrat Martin Seidl, Johannes Kranner, Jürgen Maier, Mitautor Niklas Perzi, Redaktionsteam-Mitglied Franz Pötscher, Brigitte Temper-Samhaber, Thomas Samhaber und Anton Mück.

„Auswahl habt’s ihr viel, gö?“, sagt Paula Hutterová, eine der wenigen Deutschstämmigen in Südmähren, im breiten Dialekt zu Sepp Paur. Sie bugsiert eine Packung Toilettenpapier in den Einkaufswagen. „Das brauche ich notwendig!“ 1992 zeigt Ulrich Seidl im Film „Mit Verlust ist zu rechnen“ Wohlstand in Österreich (Langau) und Armut in Tschechien (Šafov).

„Man muss wissen: Klopapier war schwer zu bekommen in Tschechien“, erklärt Historiker Niklas Perzi. Das wissen vermutlich nicht viele – und für die Jugend ist die starre Grenze und ihre Auswirkungen sowieso schwer greifbar.

Um sie ging es hauptsächlich bei der Präsentation des Fachkatalogs „Der Eiserne Vorhang 1948 bis 1989“, worauf im Museum Horn der Film einstimmte. „Die jungen Leute können sich von der Situation überhaupt nichts vorstellen“, erzählt Franz Teszar, der Panzergrenadierkommandant in Horn war und als Zeitzeuge erst in einem Workshop auf Schüler traf. Dass in der militärischen Sicherheitszone auf Menschen geschossen wurde, sei unbekannt gewesen.

„Bei den unter 20-Jährigen war ich bis auf Einzelne nicht sehr begeistert, muss ich ehrlich sagen.“Josef Fritz änderte dann aber seine Einstellung zur Jugend

Das kann Josef Fritz, früher Oberst und jetzt Museumsführer, bestätigen: 350 Personen, darunter 190 Schüler, führte er durch die Ausstellung „30 Jahre Öffnung des Eisernen Vorhangs“ im Museum. „Bei den unter 20-Jährigen war ich bis auf Einzelne nicht sehr begeistert, muss ich ehrlich sagen“, sei Fritz zuerst ein wenig erschüttert über das bescheidene Wissen gewesen. Doch dann habe sich ihm eine andere Perspektive eröffnet.

„Wir wollen immer, dass diese Zeit überwunden ist und der Vorhang aus den Köpfen weg ist. Das ist bei den 70- oder 80-Jährigen sehr schwer. Warum soll man jetzt mit Hammer, Meisel und Gewalt Dinge näher bringen, die völlig nebulös sind?“, erläutert Fritz. „Die Grenzen im Kopf gibt’s bei den Kindern nicht. Sie haben kein Problem damit, miteinander zu kommunzieren oder das Nachbarland zu besuchen“, bestätigt Hana Happl, Organisatorin der „Jungen Uni Waldviertel-Vysočina“ in Raabs, die beim Ausstellungsbesuch großes Interesse an den Umbrüchen und Zuständen hatte. „I geh eana ned ume“, war dagegen eine Floskel, die Brigitte Temper-Samhaber, eine der Autoren des Fachkatalogs, in den Nuller-Jahren gehört habe. „Das hat sich inzwischen radikal geändert.“

„Wenn man die Jugend richtig abholt, dann beschäftigen sie sich mit den Quellen“, ergänzt Mitautor Thomas Samhaber. Gerade das Zusammentreffen mit Zeitzeugen übe eine Faszination auf sie aus, sie stellen ihnen viel lieber Fragen, als zu sagen: „Alexa, wann war der Prager Frühling? Das ist sehr fad.“

Noch immer geschehen berührende Treffen

1992 war die Grenze zwischen Österreich und Tschechien offen, nicht nur Paula Hutterová und Sepp Paur suchten den Austausch – und dieser Prozess ist noch nicht zu Ende. Brigitte Temper-Samhaber schildert ein Treffen mit einer jungen Frau vor wenigen Wochen, deren Vater zu den aus Tschechien vertriebenen Menschen gehört.

Sie seien immer wieder rüber, das frühere Haus umkreisend. Man habe sich nicht anklopfen getraut, aber im Sommer den Mut zusammengenommen. Der Mann, der die Tür geöffnet habe, habe kein Wort verstanden, aber seine Frau, eine Deutschlehrerin, geholt. „Ich habe einen Kuchen gebacken und nicht gewusst, warum. Jetzt weiß ich es“, habe sie gesagt. Sie seien stundenlang plauschend zusammengesessen. Und Temper-Samhaber habe Gänsehaut bekommen, so berührt war sie.

Auf einen Zusammenschluss begründet auch der Fachkatalog, der vom Technischen Museum Brno in Kooperation mit Horn entstand. Die Präsentation der tschechischen Ausgabe war schon in Brünn, der Band wurde „auf eine für uns unkonventionelle Art getauft“, erzählt Museumsleiter Anton Mück, der das sogleich in Horn aufgriff.

Bürgermeister Jürgen Maier öffnete die Flasche Sekt, die Gläser der Autoren füllten sich und diese gossen die prickelnde Flüssigkeit über das Buch.

Umfrage beendet

  • Geschichtsbewusstsein bei Jugendlichen?