Arzt des Landesklinikums Horn: „Sterben auf Warteliste“. Die NÖN bat Dietmar Weixler zum Interview. Der Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft über Problemfelder im Palliativ- und Hospizbereich und Corona.

Von Thomas Weikertschläger. Erstellt am 07. Mai 2021 (04:00)
Dietmar Weixler ist Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft.
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Dietmar Weixler, Oberarzt am Landesklinikum Horn, ist seit Kurzem Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft. Die NÖN bat ihn zum Gespräch über die Situation in der Palliativmedizin in Österreich und die aktuelle Corona-Situation.

NÖN: Welche Aufgaben haben Sie als Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft? Welche Schwerpunkte gibt es dabei bei ihrer Arbeit?

Dietmar Weixler: Als Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) habe ich Initiativen in Forschung, Fortbildung und praktischer Ausübung von Palliative Care mit dem Ziel der Stärkung der einzelnen Disziplinen und ihrer Interprofessionalität zu unterstützen. Im Prozess zur Vorbereitung der Revision des Paragrafen 78 des Strafgesetzbuches (Anm: Mitwirkung am Selbstmord) sind wir schon seit wenigen Tagen im Justizministerium beteiligt. Auf die Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes vom Dezember 2020 – darin wurde die Verfassungswidrigkeit dieses Paragrafen festgestellt – hat der Gesetzgeber bis spätestens 31. Dezember 2021 zu reagieren.

Wie ist es in Österreich generell um die Versorgung im Palliativ- und Hospizbereich bestellt?

Weixler: Da der Verfassungsgerichtshof eine bedarfsorientierte flächendeckende Palliativ- und Hospizversorgung bedingt, ist es insbesondere unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass im Bundesgebiet eklatante Mängel in der Versorgung bestehen.

Woran fehlt es konkret? Welche „Baustellen“ gibt es in diesem Bereich?

Weixler: Es gibt mehrere Bundesländer in Österreich, in denen es nicht ein einziges Hospiz gibt. Die Krankenhäuser sind seit der parlamentarischen Enquete 2015 angehalten, palliative Einrichtungen in qualitativ guter Weise vorzuhalten. Tatsächlich gibt es auch hier große Mängel – 60 von 264 Krankenhäusern gaben 2019 an, einen solchen Dienst zu haben –, sei es das vollständige Fehlen von solchen Angeboten oder auch Angebote, die nur den Anschein haben, dass dort Palliativversorgung stattfindet. So leisten Ärzte und Ärztinnen, die für diesen Bereich vorgesehen sind, ihre Arbeit in anderen Bereichen. Oft fehlt es auch an der erforderlichen Personalstruktur, das betrifft vor allem die Verfügbarkeit der „psychosozialen Berufe“. Außerhalb der Krankenhäuser sind die „psychosozialen Berufe“ und die therapeutischen Berufe aufgrund der Erstattungsfähigkeit ihrer Leistungen kaum erreichbar.

Was können Sie als Präsident der Palliativgesellschaft bewirken? Was wollen Sie in Angriff nehmen?

Weixler: Wir alle in der OPG sind in der Praxis tätig und erleben die Not Tag für Tag. „Sterben auf der Warteliste“, bis man endlich betreut werden kann, ist gelebte Wirklichkeit der Betroffenen und ihrer Familien. Wir als OPG können im Moment nur händeringend um Hilfe bitten, alle die mächtig sind – etwa die Politik und die Sozialversicherungsträger –, die Palliativ- und Hospizversorgung zu ermöglichen. Ich möchte hier keine populistischen Beispiele nennen, wohin Gelder in diesem Staat fließen. Es ist eine Frage der Priorisierung. Wollen wir hier haben, dass Menschen im Namen der Autonomie „freiwillig“ aus dem Leben scheiden, weil sie einsam sind oder weil sie das Gefühl haben für andere eine Belastung zu sein?

Gibt es weitere Bereiche, die in Ihre Zuständigkeit fallen?

Weixler: Einer der Schwerpunkte wird meine Beteiligung an der Planung und Durchführung des 8. Multiprofessionellen Palliativkongresses sein. Er findet vom 1. bis 3. März 2022 im Landhaus und Festspielhaus St. Pölten statt.

Derzeit dominiert die Corona-Pandemie wie so vieles auch den medizinischen Alltag. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation in Österreich?

Weixler: Aus meiner persönlichen Sicht besteht das ernstliche Bemühen, die Maßnahmen angemessen bzw. verhältnismäßig zu gestalten. In der Praxis wird man immer Menschen finden, die sich ungerecht behandelt fühlen, auch welche, die Profit daraus ziehen oder am schlimmsten: Menschen, die dadurch existenziell bedroht sind oder die an der Erkrankung verstorben sind oder mit schweren Folgeerkrankungen weiterleben.

Bei vielen Menschen merkt man „Corona-Müdigkeit“. Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass die verhängten Maßnahmen denno ch eingehalten werden?

Weixler: Es ist unumgänglich, die einfachen Grundmaßnahmen einzuhalten.

Halten Sie es für realistisch, dass wir noch heuer zu einer „Normalität“, wie wir sie vor der Pandemie gewohnt waren, zurückkehren werden?

Weixler: Ich glaube nicht mehr an Normalität. Damit meine ich nicht, was das Virus betrifft – das wird man hoffentlich mit der Impfung begrenzen können. Ich denke, dass eine Zukunft hinsichtlich persönlicher Freiheitsbedürfnisse und Möglichkeiten eine andere sein wird als vor der Pandemie. Persönlich habe ich beschlossen, von Flugreisen vollständig abzusehen. Der Klimawandel ist global bedrohlicher als die Pandemie.