Warum lebt die Genossenschaft?. Raiffeisenbank-Generalversammlung erläuterte ihr Geschäftsmodell, auch „Crowdfunding-Plattform“ genannt.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 19. Juni 2019 (03:10)

Ziemlich offen sprach Justus Reichl bei der Generalversammlung der Raiffeisenbank in der Region Waldviertel Mitte im Vereinshaus Horn das aus, was er hört oder aus Umfragen weiß. Schüler wissen nicht, woher der Name Raiffeisen kommt, manchen falle der Begriff „Mafia“ ein oder halten die Genossenschaft für verstaubt. Nachbarn lächeln wehleidig Funktionäre an, wenn sie erfahren, dass sie bei der Sitzung waren.

Dabei habe das Genossenschaftsmodell, das er mit einer ordentlich überwachten Crowdfunding-Plattform vergleicht, noch heute Berechtigung. Das führte er in seinem aufmerksam verfolgten Referat „Genossenschaft: Klotz am Bein oder das Alleinstellungsmerkmal für morgen?“ an. Hausstand oder Unternehmen können mithilfe der Geldmittel gegründet werden, Menschen aus der Region sind entscheidungsberechtigt und erhalten Einblick in den Betrieb. So wählten die Mitglieder am Montagabend, denn Vorstand und Aufsichtsrat veränderten sich leicht.

Als Richtlinie gilt, dass Funktionäre im Vorstand im Alter von 65 Jahren ausscheiden. Daniela Haimerl-Gschwandtner (45) aus Gars, im Raiffeisen-Lagerhaus Hollabrunn-Horn tätig, und Landwirt Markus Pfeiffer-Vogl (35) aus Groß Gerungs rücken nach. Der Aufsichtsrat wird mit Boutique-Betreiberin Melanie Steininger (42) aus Rastenfeld, die eine Boutique führt, neu bestellt.

Die Versammlung beschloss im Vorfeld, die Zahl der Funktionäre zu reduzieren – von insgesamt 101 auf 90. Und: „Wir wollen mithelfen können bei der Aufschließung der Gründe auf unserem Genossenschaftsgebiet“, erklärt Obmann Gerhard Preiß. Dieses Bestreben nahm man in die Satzung auf. Änderungen und Wahlen erfolgten einstimmig.

„Preisführerschaft in der Region halten“

Ihre Zufriedenheit mit dem Jahr 2018 drückten alle Redner aus. „Wir haben die niedrigsten Spesen, Gebühren und Kreditzinsen“, betonte Preiß bei der Begrüßung. „Andere Banken bitten ordentlich zur Kassa.“ Es sei wichtig, die Preisführerschaft in der Region zu halten. Herausfordernd werde die Digitalisierung sein, man suche einen Mittelweg. Die Betreuung der Mitarbeiter werde hoch geschätzt, „vor allem bei der Jugend“, die alte Werte suche.

Christoph Güttl resümierte aus dem Revisionsbericht: Das Betriebsergebnis liegt vergleichsweise im Durchschnitt und ist ausreichend. Schwerwiegende Mängel stellte man bei der Prüfung keine fest. Geschäftsleiter Hubert Dikovits präsentierte den Jahresabschluss 2018: Die Gewinn- und Verlustrechnung ergibt einen Ertrag von 7.855 Euro.

„Der Gewinn geht in die Reserven hinein“, betonte Reichl. Kein anonymer Eigentümer bereichere sich maßlos daran. Dass die Genossenschaft eine Zukunftschance ist, unterstrich er mit zwei Beispielen. Einwohner schlossen sich in Vorarlberg zur Genossenschaft zusammen und zahlten ihr Erspartes ein, um das bereits geschlossene Wirtshaus wiederbeleben zu können. Und eine Genossenschaft in Tirol ermöglichte, dass ein ganzes Tal nun Breitband-Internet hat.

Daten & Fakten

Ausgeschiedene Funktionäre ...
... im Vorstand:

Josef Daniel (Horn), Ingrid Kleber (Albrechtsberg), Leo Klinger (Langschlag), Herbert Steininger (Groß Gerungs), Johann Stöger (Messern)
... im Aufsichtsrat:
Gerhard Hackl (Ottenschlag),
Herbert Simlinger (Rastenfeld), Johann Wally (Schweiggers)

Die Genossenschaft setzt sich zusammen aus ...
... 39 Gemeinden, 48.000 Kunden (von 65.000 Einwohnern) mit 34.000 Girokonten und 18.000 Mitgliedern.

Die Bilanzsumme beträgt ...
... 1,6 Milliarden Euro.
Dazu gehören 1,093 Milliarden Kredite, 1,378 Milliarden Einlagen und 156 Millionen Euro Rücklagen. Die Eigenmittel machen 16,3 Prozent aus und belaufen sich auf 159 Millionen Euro.