Historischer Abriss: Zug überwand eiserne Grenze. Warum der Vindobona im Kalten Krieg Fuß fassen konnte und sein Ende.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 13. Mai 2021 (04:53)
Der dieselhydraulische Schnellverkehrstriebzug der Ostdeutschen (Bauart: Görlitz) kam im internationalen Verkehr zum Einsatz. Der „Blaue Blitz“ steht daneben: ein in den 1950er-Jahren gebauter Schnellzug-Dieseltriebwagen der ÖBB.
Eisenbahnmuseum Sigmundsherberg, Eisenbahnmuseum Sigmundsherberg

Die Deutsche Reichsbahn, Tschechoslowakische Staatsbahn und Österreichische Bundesbahnen (ÖBB) schlossen sich 1956 zusammen, um mit einem internationalen Zug drei Hauptstädte zu verbinden: Berlin, Prag und Wien. Das war ein Jahr, wo sich nach dem Weltkrieg politisch schon zwei bipolare Welten in den Köpfen festgesetzt hatten. Die Reisefreiheit hatte aber zwischen West und Ost Bestand, auch wenn man heute darunter etwas anderes versteht.

Kontrollen in Gmünd (Österreich), České Velenice und Děčín (ČSSR) sowie Bad Schandau (DDR) gehörten zur Routine. Sie seien nicht nur häufig, sondern durchaus „martialisch“ gewesen, schreibt Beppo Beyerl in der Wiener Zeitung. Die Fahrt hat trotzdem „unbegreifliche elf Stunden und 30 Minuten“ gedauert. Er war selbst Vindobona-Fahrgast.

Die drei Bahngesellschaften wechselten sich in einem zweijährigen Rhythmus ab, um die Fahrt zu organisieren und den Triebwagen zu stellen: Die DDR begann mit dem „Fliegenden Kölner“, die Österreicher folgten mit dem „Blauen Blitz“. Sie überwanden eine West-Ost-Erstarrung: Wie war das möglich?

Ein Direktzug bestand schon um Jahrhundertwende (bis in den Zweiten Weltkrieg hinein), und zwar von Berlin über Wien nach Budapest. Der Orient-Express war ein Impulsgeber für die Etablierung von interkontinentalen Strecken. Wien gab indes den Anstoß für den Vindobona: Die Viermächte-Stadt entwickelte sich in den 1950er Jahren zu einem Zentrum der Nachrichtendienste für Amerikaner, Briten, Franzosen und Sowjets. „Der Vindobona war tatsächlich ein Zug der Spione, Agenten und Diplomaten“, schreibt „Die Welt“, deutsche Tageszeitung, anlässlich des Vindobona-Endes im Jahr 2014.

Waldviertel hatte zügige Verbindung nach Wien

Der Direktzug überwand sogar die eisigste Zeit im Kalten Krieg: Gastarbeiter aus dem neutralen Österreich fuhren in den 1970er Jahren mit dem Vindobona in den Osten, um an Kaufhäusern oder Hotels mitzuarbeiten. Touristen und Pendler waren zuletzt die Fahrgäste. Die Waldviertler selbst hatten eine zügige Verbindung in die Bundeshauptstadt: Stieg man etwa in Sigmundsherberg ein, hielt der Zug nur in Eggenburg. „Das war die schnellste Verbindung nach Wien, einen solchen Zug würden wir uns wieder wünschen“, betont Gerhard Zauner vom Eisenbahnmuseum Sigmundsherberg.

Der einzige Direktzug zwischen Berlin und Wien fand schließlich 2014 sein Ende, zu einem Zeitpunkt, als der Eiserne Vorhang längst gefallen war und der Schengen-Raum eine Reisefreiheit ganz ohne Kontrollen ermöglichte. Die ÖBB setzen seitdem auf die Railjets über Brünn nach Prag: längere Strecke, aber kürzere Zeit. Und: „Brünn hat um ein paar 100.000 Einwohner mehr und eine andere Fahrgast-Frequenz“, erklärt Zauner. Wer heute nach Berlin will, muss in Prag aussteigen und auf den Anschluss warten.