Österreich

Erstellt am 16. Oktober 2018, 15:07

von APA Red

Wien will Geld zu Brennpunktschulen umschichten. Wien will Brennpunktschulen ab dem Schuljahr 2019/20 mehr Mittel zur Verfügung stellen und - sollte es dafür nicht mehr Geld von Bildungs- und Finanzministerium geben - gegebenenfalls Standorten ohne soziale Herausforderungen Ressourcen wegnehmen. Das hat der Wiener Bildungsdirektor Heinrich Himmer am Dienstag bei einem Hintergrundgespräch angekündigt.

Himmer fordert Mittel vom Bund  |  APA (Archiv)

Himmer fordert zwar weiterhin vom Bund, die Mittel für Schüler künftig bundesweit nach bestimmten Kriterien (Umgangssprache, Migrationshintergrund der Schüler, Einkommen und sozialer Hintergrund der Eltern) zu verteilen, damit Schulen mit größeren Herausforderungen ihre Schüler auch besser fördern können. Sollte der Bund allerdings keine Finanzierung nach einem Sozialindex umsetzen, werde Wien sich damit "behelfen", die vorhandenen Mittel zu jenen Schulen umzuschichten, die besonders große Herausforderungen zu stemmen haben. Neben Geld und Personal sollen auch Zusatzangebote wie Sozialarbeiter vorrangig an Brennpunktschulen gehen.

Falls gesetzlich möglich, sollen von der Neuverteilung der Mittel sowohl Pflichtschulen als auch AHS und BMHS umfasst werden, so Himmer. Das gesamte Schulbudget soll dann "nach fixen, transparenten Kriterien" unter allen Schulen verteilt werden. Dabei soll es neben der Basisfinanzierung allerdings noch spezielle Fördertöpfe geben, etwa für Musik-Volksschulen.

Bei den Bildungsstandard-Überprüfungen wurden in Wien 35 Prozent der Volksschulen als Standorte "sehr hoher" sozialer Benachteiligung eingestuft. In der Sekundarstufe ist die Belastung je nach Schultyp extrem unterschiedlich: Während an den AHS zwölf Prozent als Brennpunktschule identifiziert wurden, waren es zwei Drittel der Neuen Mittelschulen (NMS).

Änderungen sind nach zwei "Runden Tischen" mit Politik, Religionsgemeinschaften, Pädagogischen Hochschulen, Eltern-, Schüler- und Lehrervertretern sowie Jugendamt auch beim Umgang mit Gewalt an Schulen geplant. Dazu wurden am Dienstag auch erstmals Zahlen vorgelegt: 2017/18 sind insgesamt 258 Anzeigen eingegangen, davon 138 an NMS. 90 Prozent betrafen "strafbare Handlungen gegen Leib und Leben".

Zum Vergleich: In Wien gibt es 230.000 Schüler. Michael Lepuschitz, Vizepräsident der Wiener Polizei, betonte allerdings, dass es hier wie immer eine Dunkelziffer gebe. Himmer hob auch noch die je nach Schule sehr unterschiedliche Kultur hervor, Gewalttaten anzuzeigen.

Andere Schulen würden eher zum Mittel der Suspendierung greifen, hier gab es im vergangenen Schuljahr 278 Fälle. Durchschnittlich wurden betroffene Jugendliche - die Mehrheit ist zwölf bis 15 Jahre alt - für zwölf Tage der Schule verwiesen, die Maximaldauer von vier Wochen wurde nur 16 Mal ausgesprochen. Für solche Schulverweise gelten künftig neue Regeln: Diese sollen für die Betroffenen künftig keine "Ferienzeit" mehr sein, betonte Himmer.

Deshalb sollen die Schulen künftig verpflichtende Vereinbarungen mit den Jugendlichen abschließen, wie sie sich den Lehrstoff während ihrer Abwesenheit erarbeiten. Außerdem soll der bereits vorgesehene Termin bei der Schulpsychologie bindend werden. Bisher wären 90 Prozent einfach nicht gekommen, schildert Himmer. Dadurch seien aber auch oftmals vorhandene familiäre und soziale Probleme, bei denen etwa bei Bedarf das Jugendamt eingeschaltet werden könnte, nicht ans Licht gekommen.

Auf Ansuchen der Schule können auch sogenannte "Normverdeutlichungsgespräche" stattfinden, bei denen speziell geschulte Polizisten die Jugendlichen auf die Folgen einer Vorstrafe etwa bei der Lehrstellensuche aufmerksam machen. "Wir erwarten uns davon eine bessere Betreuung der Schüler und hoffen so, dass sie gar nicht erst zu Klienten von uns werden", so Lepuschitz. Außerdem soll es in der Bildungsdirektion (bisher: Stadtschulrat) jeweils einen Case Manager als konkreten Ansprechpartner für jeden Betroffenen geben.

Die Sinnhaftigkeit von Suspendierungen an sich stellte Himmer allerdings infrage. Gemeinsam mit dem Bildungsministerium sollen deshalb "Maßnahmen erarbeitet werden, um Gewaltfreiheit besser zu garantieren". Die nun vorgestellten Maßnahmen können zudem nur Empfehlungen sein, nachdem Suspendierungen per Bundesgesetz geregelt sind.

Grundsätzlich erwartet sich Himmer, dass sich jede Schule dem Thema Gewalt stelle: "Es gibt keine Toleranz, kein Wegschauen, kein Unter-den-Teppich-Kehren." Ob beim Umgang damit eher auf Peer Beratung gesetzt werde, bei der speziell geschulte Schüler eingesetzt werden, oder auf Präventionsveranstaltungen mit der Polizei, bleibe den Schulen überlassen.

In einem Pilotprojekt soll an den Polytechnischen Schulen nun erprobt werden, welche Maßnahmen besonders gut greifen. Hier wird es zudem künftig insgesamt 800 zusätzliche Deutschstunden am Nachmittag geben. Das Ziel laut Himmer: Schüler sollen lernen, bei Konflikten Worte zu nutzen und nicht die Fäuste sprechen zu lassen. Außerdem soll an jedem Poly ein Projekt zur Drogenprävention stattfinden.

Weitere Auswirkungen des "Runden Tisches": Von der Stadt Wien gibt es laut dem Bildungsdirektor nun ein "Bekenntnis", zu den 27 vorhandenen weitere Schulsozialarbeiter zu finanzieren. Für Bezirk und Schule gebe es nun klar definierte Ansprechpartner, ebenso bei Verdacht auf Radikalisierung oder Extremismustendenzen. Außerdem werden Flyer mit den wichtigsten Informationen für Schüler, Eltern und Lehrer über Rechte und Pflichten der Schüler und rechtlich gedeckte Erziehungsmittel verteilt.