Ausland

Update am 12. Dezember 2018, 18:10

von APA Red

Suche nach Attentäter nach Anschlag in Straßburg. Nach dem schweren Terroranschlag von Straßburg ist der mutmaßliche Attentäter auf der Flucht und hält ganz Frankreich in Atem. Mit einem Großaufgebot von über 600 Beamten in und um die elsässische Metropole und an der nahe gelegenen Grenze zu Deutschland versuchte die Polizei den bei einem Schusswechsel verletzten Angreifer zu fassen.

Die Polizei patrouilliert durch die Straßen von Straßburg  |  APA/ag.

Der polizeibekannte Gefährder Cherif C. könnte mit einem gestohlenen Taxi unterwegs sein. C. soll am Dienstagabend mitten in der Weihnachtssaison das Feuer in der Straßenburger Innenstadt eröffnet haben. Zwei Menschen wurden getötet, ein Opfer sei hirntot, zwölf Menschen wurden verletzt, sagte der Pariser Antiterror-Staatsanwalt Remi Heitz am Mittwoch in Straßburg.

Der mehrfach vorbestrafte Angreifer soll sich im Gefängnis islamistisch radikalisiert haben. Der gebürtige Straßburger mit nordafrikanischen Wurzeln saß wegen schweren Diebstahls auch in Deutschland in Haft.

"Der Terrorismus hat erneut unser Gebiet getroffen", sagte Heitz. Zeugen hätten den Angreifer "Allahu Akbar" (Allah ist groß) rufen hören. Angesichts des Zielorts, seiner Vorgehensweise und der Zeugenaussagen habe die Antiterrorabteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.

Der Mann habe am Dienstagabend mitten in der weihnachtlich geschmückten Innenstadt um sich geschossen. Er habe eine Handfeuerwaffe und ein Messer dabeigehabt. "Auf seinem Weg hat er mehrfach das Feuer mit einer Handfeuerwaffe eröffnet und ein Messer benutzt, mit dem er getötet und schwer verletzt hat", sagte Heitz.

Die Grenzkontrollen wurden verschärft  |  APA (dpa)

Unter den Todesopfern ist ein 45-jähriger Tourist aus Thailand, wie das Außenministerium in Bangkok bestätigte. Nach Medienberichten starb er durch einen Schuss in den Kopf. Sechs Menschen erlitten sehr schwere Verletzungen. Österreicher oder Deutsche sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht unter den Opfern.

Nach der Tat flüchtete der Angreifer, lieferte sich aber noch zwei Schusswechsel mit Sicherheitskräften. Nach dem Anschlag haben Ermittler vier Menschen aus dem Umfeld des 29-jährigen Tatverdächtigen in Gewahrsam genommen. Deutsche Sicherheitsbehörden suchen mit nach dem Täter und fahnden auch nach dessen Bruder Sami C.. Das Innenministerium in Paris schloss nicht aus, dass der Täter nach Deutschland geflüchtet sein könnte.

Die beiden französischen Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln wohnten nach Informationen aus Sicherheitskreisen zuletzt in Straßburg. Sie würden in Frankreich als radikalisiert eingestuft und dem Straßburger Islamistenmilieu zugerechnet, sagte ein hochrangiger Sicherheitsexperte dem Berliner "Tagesspiegel".

In Deutschland tauchen die beiden Namen allerdings nach dpa-Informationen nicht in der Datei für islamistische Gefährder auf. Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Registrierungsschwelle in Frankreichs "Fiche S"-Akte sei deutlich niedriger als für die Aufnahme in die deutsche Gefährderdatei. Der Straßburger Angreifer wurde in dieser Datei gelistet.

Der Täter wurde nach Angaben des Staatsanwalts vor seiner Flucht von Soldaten verletzt. Er entkam mit einem Taxi. Über 600 Einsatzkräfte und mehrere Hubschrauber seien an der Fahndung beteiligt, hieß es. Die deutsche Bundespolizei kontrollierte mehrere Grenzübergänge von Deutschland nach Frankreich.

Der mutmaßliche Attentäter hatte wegen schweren Diebstahls von Anfang 2016 bis Februar 2017 in Deutschland eine Haftstrafe verbüßt - zuerst in Konstanz. Nach Informationen des "Tagesspiegels" wurde er später in die Justizvollzugsanstalt Freiburg verlegt. Im Februar 2017 wurde er nach Frankreich abgeschoben. Er wurde nach Medienberichten schon vor dem Attentat auch wegen eines versuchten Tötungsdeliktes gesucht.

Bereits am Dienstag in der Früh wollten ihn Einsatzkräfte deswegen verhaften - trafen ihn zu Hause jedoch nicht an, wie der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nunez, erklärte. Bei dieser Aktion seien fünf Menschen festgenommen worden, die aber nichts mit dem anschließenden Anschlag zu tun gehabt hätten.

Frankreichs Regierung ließ nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. In Straßburg blieb der Weihnachtsmarkt am Mittwoch geschlossen. Der Unterricht an Volksschulen und Vorschulen wurde ausgesetzt. Die Elsass-Metropole unweit der Grenze zu Deutschland ist bei Touristen gerade in der Weihnachtszeit sehr beliebt - Zehntausende kommen pro Tag. Zusammen mit dem Weihnachtsmarkt in Dresden zählt der Straßburger Weihnachtsmarkt zu den ältesten Europas.

"Solidarität der gesamten Nation für Straßburg, unsere Opfer und ihre Familien", schrieb Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron auf Twitter. Macron hatte in der Nacht auf Mittwoch in Paris eine Krisensitzung einberufen. "Die terroristische Bedrohung ist immer noch im Herzen des Lebens unserer Nation", zitierte Regierungssprecher Benjamin Griveaux den Präsidenten am Mittwoch anschließend. Macron erinnerte damit daran, dass Frankreich in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von islamistisch motivierten Terroranschlägen geworden war, die fast 250 Menschen das Leben kosteten.

Das Europaparlament in Straßburg begann seine Sitzung am Mittwoch im Gedenken an die Opfer. "Das war ein krimineller Anschlag auf den Frieden", sagte Parlamentspräsident Antonio Tajani zum Auftakt der Sitzung. "Wir stehen auf der Seite der Familien der Opfer." Das Parlament war Dienstagabend zwischenzeitlich abgeriegelt worden. Über Stunden hinweg durfte niemand das Gebäude verlassen, Mitarbeiter wurden per Handy-Kurznachricht und Mail gewarnt. Erst am frühen Mittwochmorgen durften sich Abgeordnete und Mitarbeiter auf den Heimweg machen.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schrieb auf Twitter: "Meine Gedanken sind bei den Opfern der Schießerei in Straßburg, die ich mit großer Entschiedenheit verurteile." Straßburg sei eine symbolische Stadt für den Frieden und die europäische Demokratie. "Werte, die wir immer verteidigen werden."

US-Präsident Donald Trump nutzte den Anschlag als warnendes Beispiel in seinem Werben für die US-Grenzmauer. "Ein weiterer sehr schlimmer Terrorangriff in Frankreich", schrieb Trump am Mittwoch auf Twitter - und fügte hinzu: "Wir werden unsere Grenzen sogar noch mehr verstärken".

An die Chefs der oppositionellen Demokraten im Senat, Nancy Pelosi und Chuck Schumer, appellierte Trump erneut, die Freigabe von Budgetmitteln für den Mauerbau an der mexikanischen Grenze zu ermöglichen. "Chuck und Nancy müssen uns die Stimmen geben, um zusätzliche Grenzsicherheit zu bekommen!", twitterte er.

Trump war am Vortag mit Pelosi und Schumer vor laufenden Kameras im Oval Office heftig aneinandergeraten. Dabei drohte er, wenn er nicht die gewünschten Gelder für die Mauer bekomme, dann werde er "die Regierung dichtmachen".

Der Präsident meinte damit eine Budgetsperre, die zur Stilllegung von Bundesbehörden führt. Trump will, dass ihm der Kongress fünf Milliarden Dollar für den Mauerbau bewilligt.