Kein Prozess gegen Vater von isolierter Familie. Im spektakulären Fall einer auf einem abgelegenen Hof in den Niederlanden isolierten Familie wird der Vater vorerst nicht strafrechtlich verfolgt.

Von APA / NÖN.at. Update am 04. März 2021 (15:01)
Der Fall hatte international für großes Aufsehen gesorgt
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Das entschied das Strafgericht in Assen am Donnerstag mit Hinweis auf den schlechten Gesundheitszustand des Angeklagten. Gerrit Jan van D. (68) sei nicht prozessfähig, so die Schlussfolgerung des Gerichts. Einen Prozess wird es in dem Fall aber doch geben: Der Österreicher Josef B. muss sich wegen Beihilfe verantworten.

B., ein selbst-erklärter "Jünger" des Niederländers, welcher eine Art Naturreligion geschaffen hatte, muss sich wegen Beihilfe verantworten. Er hatte den Hof gemietet und die Familie ernährt. Er bestreitet die Vorwürfe. Wann der Prozess gegen ihn starten wird, ist unklar.

Neun Jahre lang hatte der derzeit nicht verhandlungsfähige Niederländer mit sechs seiner neun Kinder auf dem Hof in Ruinerwold im Nordosten des Landes gelebt - total isoliert. Gerrit Jan van D. war wegen Freiheitsberaubung angeklagt. Er soll seine Kinder terrorisiert und zwei von ihnen auch sexuell missbraucht haben.

Der nunmehrige Beschluss des Gerichts war nach mehreren Gutachten in der Form erwartet worden. Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten die Niederschlagung des Verfahrens beantragt. Van D. hatte bei einem Schlaganfall 2016 schwere Hirnschäden erlitten, ist halbseitig gelähmt und kann nicht sprechen. Er sollte noch am Donnerstag aus der Haft entlassen werden.

Gerrit Jan van D. hatte seine Kinder auf dem Hof nahe der deutschen Grenze nach einer eigenen Naturreligion erzogen. Die Behörden wussten nichts von der Familie und offenbar auch nicht die Nachbarn. Bis zum Oktober 2019, als ein Sohn im Dorfbeisl von Ruinerwold um Hilfe gebeten hatte. Die Entdeckung der Familie hatte weltweit Schlagzeilen gemacht.

Einige Kinder - alle sind heute volljährig - hatten im Vorfeld der nun erfolgten Entscheidung davor gewarnt, ihren Vater freizulassen. Die jüngeren Geschwister könnten so wieder in seinen Einfluss kommen, lautet ihre Befürchtung. Die vier Ältesten hatten auch in einer Erklärung ihr Leiden durch Psychoterror und Gewalt geschildert. Sie wollten, dass das Gericht das Unrecht feststellen sollte.

Doch dem widersprachen nun die jüngeren Geschwister. Sie seien keine Opfer und bedauerten in keiner Weise ihre Erziehung. Ihr Vater sei nie "ein Messias" gewesen, heißt es in einer Erklärung. "Für uns war und ist er immer nur Papa." Das Leben auf dem Hof war nach ihrer Darstellung nicht traumatisierend, sondern ein "ruhiges und befriedigendes Leben". Aber das Jahr nach der Entdeckung durch die Polizei hätten sie als "traumatisch" erfahren. Die fünf Jüngsten wollen ihren Vater jetzt zu sich nehmen.