Herbert Lackner: „Verschwörer gab es schon immer“

Aktualisiert am 21. Januar 2022 | 12:00
Lesezeit: 7 Min
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Herbert Lackner: „Die Leute trauen der Wissenschaft nicht.“ Seine Bücher schreibt er auch auf seinem Bauernhof im Mostviertel.
Foto: Erich Marschik
Der langjährige profil-Chefredakteur und Buchautor Herbert Lackner hat ein Buch über Verschwörungstheorien geschrieben, das im März erscheint. Mit der NÖN hat er darüber gesprochen.

Herbert Lackner ist bekannt für seine Publikationen zu historischen Themen. In seinem aktuellen Buch befasst er sich mit der Wissenschafts-Skepsis.

NÖN: Wie sind Sie auf die Idee zu einem Buch über Verschwörungstheorien gekommen?
Herbert Lackner: Vergangenen Oktober saß ich mit dem Onkologen Christoph Zielinski im Café Landtmann und wir haben uns geärgert über die Demonstrationen der Impfgegner. Ich sagte dann: Machen wir doch ein Buch darüber! Wir wollten uns fragen, wo dieses Thema herkommt. In diesen Aufmärschen gibt es Rechtsradikale, Esoteriker, grüne Juteträger, da ist die Frage: Was eint die? Und weil ich die historische Recherche liebe, dachte ich mir, da finde ich etwas – und tatsächlich, man findet etwas. Ziemlich viel sogar.

Sie beschränken sich in dem Buch auf Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Epidemien oder Pandemien. Wo setzen Sie da an?
Lackner: Ungefähr an dem Zeitpunkt, wo die Medizin beginnt, also im 14., 15. Jahrhundert. Alles davor kann man nicht Medizin nennen, weil von allen Religionen Leichenöffnungen verboten waren. Die Forschung am Menschen war dadurch gar nicht möglich. Die Religion war also das erste große Hindernis für die Wissenschaft. Auch die Hexenprozesse sind ein Thema: Frauen haben versucht, etwas Neues in der Medizin zu finden, was natürlich sofort sanktioniert wurde.

Unsinn lässt sich leider immer wieder abrufen. Herbert Lackner, Journalist und Buchautor

Wir haben das an dem Beispiel der Mutter des Astronomen Johannes Kepler erzählt: Ihr wurde ein Hexenprozess gemacht. Kepler ist von Linz zum Prozess nach Schwaben gefahren und hat dort in einer Rede die Wissenschaft gegen den Aberglauben verteidigt. Er hat gesagt: Der da drüben hat keinen Klumpfuß, weil ihn jemand verhext hat, sondern das ist eine Krankheit. Das war eine der ersten Reden, in denen es um dieses Thema gegangen ist.

Wer schürt diese Skepsis vor der medizinischen Wissenschaft? Und wie kam es dann trotzdem zu Fortschritten?
Lackner: Es sind immer andere: Zuerst waren es die Religionen, die drei monotheistischen Religionen unterscheiden sich da nur in Nuancen. Ab dem Beginn des 18. Jahrhunderts hat man Versuche mit Pockenimpfungen gemacht, da sind Pusteln von Kranken geöffnet worden, das Sekret ließ man trocknen und hat es dann einem anderen in den Oberarm geritzt. Es ist verständlich, dass die Leute da skeptisch waren. Erst Ende des 18. Jahrhunderts hat ein englischer Arzt die sichere Pockenimpfung erfunden, nämlich aus Kuhpocken, die sind für Menschen harmlos.

Gab es historisch immer auf der einen Seite Skeptiker und auf der anderen Befürworter?
Lackner: In den Anfängen der Pockenimpfung gab es Prominente auf jeder Seite. Immanuel Kant war ein Impfgegner, obwohl er ein großer Aufklärer war. Er sagte, sie greife in die Vorsehung ein. Johann Wolfgang Goethe hingegen war ein großer Befürworter. Es ist interessant, dieses Thema an großen Figuren zu erzählen, weil man es dann besser nachvollziehen kann. Aber es gibt auch aktuelle Querverweise: Im Jahr 1809 gab es den Aufstand der Tiroler unter Andreas Hofer. Napoleon hatte nach der Schlacht von Austerlitz Tirol an das von ihm besetzte Bayern angeschlossen, wo es eine Impfpflicht gegen Pocken gab. Das hat in Tirol das Fass zum Überlaufen gebracht und letztlich diesen Aufstand mit ausgelöst. Andreas Hofer und seine Getreuen haben behauptet, den Tirolern werde der Protestantismus eingeimpft.

Also heute die Chips und damals der falsche Glaube?
Lackner: Ja, die Idee gab es schon bei Andreas Hofer, der hat geglaubt, die Bayern und Napoleon wollten die braven Katholiken umbauen.

Welche Rolle haben die Herrschenden bei der Pockenimpfung gespielt?
Lackner: Sie hatten größtes Interesse an der Pockenimpfung. In Österreich wurde sie schon in den 1760er-Jahren unter Maria Theresia forciert. Von den 16 Kindern Maria Theresias sind vier an Pocken gestorben und sie hatte Angst, dass ihre zwei männlichen Nachfolger Josef und Leopold auch dahingerafft werden. Das Volk aber war skeptisch. Die meisten haben das religiös begründet: Das sei ein Eingriff in Gottes Wille. Das hat sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts geändert. 1874 wurde im Deutschen Kaiserreich von Reichskanzler Bismarck die Impfpflicht eingeführt. Dann haben sich zwei Richtungen von Impfgegnern entwickelt, die es bis heute gibt: Die einen sind das, was man heute als Rechtsradikale bezeichnen würde, den Begriff gab es damals noch nicht, aber das waren zum Beispiel Antisemiten. Die haben behauptet, die Juden seien schuld. Der andere Zweig, der fast noch größer war, war die so genannte Lebenskulturbewegung. Da waren Esoteriker, die behauptet haben, alles, was von außen in den Körper komme, sei Gift. Dieses Denken setzt sich bis heute fort. Diese Leute, Rechte und Esoteriker, sehen Sie heute bei den Demonstrationen und in Ansätzen gab es das bereits Ende des 19. Jahrhunderts.

Was macht Verschwörungstheorien eigentlich so sexy?
Lackner: Dass sie einfache Lösungen anbieten. Und sie sind nicht zu falsifizieren. Beweisen Sie zum Beispiel einmal, dass der Soros nicht hinter alldem steckt. Wie, wie soll man das machen? Es widerspricht natürlich jeder Logik, aber falsifizieren kann man es nicht.

Die Impfgegner behaupten ja, Impfpflicht wäre Diktatur. Dass sich die Menschen durch solche Maßnahmen unterdrückt fühlen – ist das neu?
Lackner: Die Staatsfeindlichkeit mit Reichsbürgern und all diesen Erscheinungen ist ein relativ neues Phänomen, das gab es damals nicht. Und daraus leitet sich ja auch dieses merkwürdige Freiheitsverständnis ab. Und Staatsfeinde wie die Reichsbürger sind ja oft Rechtsradikale.

Waren die Nazis eigentlich auch Impfgegner?
Lackner: Bis 1933/34 war die Führungsetage, also Leute wie Heinrich Himmler oder Rudolf Hess, Anhänger der Naturheilkunde, sie standen für Gesundheitsempfehlungen wie Abhärtung, gesundes Leben. Sie haben sogar behauptet, dass ihr großer Held Bismarck unter dem Einfluss der Juden gestanden haben muss, als er die Impfpflicht eingeführt hat. Ab Ende 1934/35 hat die NSDAP diese Linie vollkommen geändert, als sie begonnen hat, für den Krieg zu rüsten. Da sagte man, wir brauchen das, sonst fallen uns die Soldaten wegen Seuchen aus. Damit hat die medizinische Wissenschaft wieder einen größeren Stellenwert bekommen. Allerdings haben die Nazis damit ihre Erb- und Rassenmedizin gemeint.

Verschwörungstheorien sind immer wieder auch verschwunden. Sie haben sich die Entwicklungen über Jahrhunderte hinweg angeschaut: Gibt es auch diesmal die Hoffnung, dass das passiert?
Lackner: Die Bewegungen verschwinden schon, aber nicht die grundsätzliche Haltung. Es wurde kürzlich eine Eurostat-Studie über das Wissenschafts-Verständnis in den EU-Ländern veröffentlicht. Und jenes in Österreich ist katastrophal. Die Leute trauen der Wissenschaft nicht. Sie glauben, wie jetzt, dass da irgendwelche Mächte dahinterstehen. Unsinn lässt sich leider immer wieder abrufen. Und auch politisch nutzbar machen.

Wagen Sie eine Prognose, wie es weitergehen wird?
Lackner: Das Virus wird irgendwann endemisch werden, jeder wird es einmal gehabt haben und sich halt einmal im Jahr impfen lassen, so wie gegen Grippe. Aber das heißt nicht, dass nicht etwas Neues daherkommen wird. Im Epilog zu meinem Buch frage ich mich, wer vor zwei Jahren geglaubt hätte, dass man Pflegepersonal und Ärzte vom Verfassungsschutz schützen lassen muss. Wer hätte gedacht, dass 40.000 Leute aufmarschieren, vorne Neonazis wie Gottfried Küssel und hinten die Esoteriker? Was wir aus dem Ganzen gelernt haben, ist, dass sich die Welt verdammt schnell ändern kann.