Katharina Grabner-Hayden: „Dem Tod mit Humor begegnen“

Autorin Katharina Grabner-Hayden über ihren persönlichen Zugang zu Allerheiligen, zum Tabuthema Tod und ihr neuestes Buch über Sterben, Trauern und Erben.

Erstellt am 27. Oktober 2021 | 04:42
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Katharina Grabner-Hayden beim Shooting für das Cover ihres Buches „Endlich Ruhe“ im Bestattungsunternehmen Hofbauer in Gföhl.
Foto: Philipp Monihart

In ihrem neuesten Buch beschäftigt sich Katharina Grabner-Hayden mit dem Tod, dem Sterben und dem Erben. Ein Gespräch über den sicher ungewöhnlichen Weg, sich diesem Thema in Form von satirischen Anekdoten zu nähern.

NÖN: Wie kommt man als mehrfache Buchautorin auf das Thema Sterben und Tod?

Katharina Grabner-Hayden: Ich schreibe Alltags-Satiren – und der Tod gehört zum Alltag einfach dazu. Er bedeutet aber nicht das Ende. Ich bin ein Wienerkind, und wenn die Großmutter mit mir in den Kindergarten gegangen ist, sind wir bei der Wiener Bestattung vorbeigekommen. Da sind draußen die Mitarbeiter, die „Pompfüneberer“, gestanden, die sehr elegant angezogen waren. Meine Großmutter hat gemeint: „Das sind die Diener vom Tod.“ Ich habe mir gedacht, wenn die Diener des Todes schon so schön sind, wie schön muss erst der Tod sein!

Und das hat sich erhalten?

Diesen fast weinseligen, humorvollen Zugang zum Tod habe ich mir behalten und bin auch als Studentin viel auf Friedhöfen gewesen, vor allem auf dem St. Marxer Friedhof. Da gab es ein magisches Angezogensein, aber nicht vom Morbiden, sondern von der Ruhe und Stille. Ich war immer schon aufgeweckt, und das hat mich in einen friedlichen Zustand versetzt. Allein, dass dort die Gräber so schön stehen, dass die Architektur so gerade ist, das hat mein chaotisches Leben ruhig gemacht.

„Humor schafft jene Distanz, die es braucht, um mit einer Situation umgehen zu können.“

Wie groß ist dann die (Hemm-) Schwelle, darüber zu schreiben?

In Lesungen habe ich immer wieder auch kleine „Totengeschichterl“ hineingewoben. Da wurde ich darauf angesprochen, mehr davon zu schreiben. Es ist eine Challenge, humorvoll über den Tod zu schreiben, der stark verdrängt und tabuisiert wird. Ich habe bei Viktor Frankl gelesen, dass der Humor das beste Therapeutikum für die Seele ist – gerade auch, wenn es um Tod und Abschied geht. Humor schafft jene Distanz, die es braucht, um mit der Situation umgehen zu können.

Kann der Humor auch die Angst vor etwas Unbekanntem nehmen?

Ja. Er schafft es, das Thema zu enttabuisieren. In der der Satire ist ja auch immer etwas Wahres enthalten, etwas, das vielleicht auch wehtut. Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist und rennt gegen das Schlechte an.“ Ich bin keine gekränkte Idealistin, aber mir geht es darum, diese Themen des Alltags anzustechen. Und das schafft der Humor.

Ist es schwer, die Grenze zwischen Humor und Pietätlosigkeit zu ziehen?

Ich habe selbst ein schwer behindertes Kind und weiß, was Leid und Schmerz ist. Und ich mache mich darüber auch nicht lustig. Ich weiß, dass Trauerphasen nötig sind, dass ein Loch zurückbleibt, wenn ein Mensch gegangen ist. Unser Auftrag ist, sich damit auseinanderzusetzen. Einfach zu verdrängen, ist zwar „österreichisch“, bringt aber nichts. Meine Grenze war immer: Würde es mich kränken? Dann würde ich das nicht schreiben. Mein Gradmesser ist immer mein eigenes Schicksal.

„Ich durfte dabei sein, als mein Vater gestorben ist, wie auch bei meinem Großvater. Das ist ein Hinübergehen in eine andere Welt. Ich glaube sehr wohl, dass es danach etwas gibt.“

Welche Rückmeldungen gibt es auf das Buch, das mittlerweile ein Jahr auf dem Markt ist?

Einfach nur positive. Das ist großartig. Trotz Pandemie kommen so viele Leute zu mir in die Lesungen, noch dazu mit so einem Thema! Nachher wird geredet, geredet, geredet … Der Humor reißt vieles auf, da kommen viele versteckte Dinge raus.

Das hört sich an wie eine Aufarbeitung …

Ja! Das hat auch einen kleinen psychotherapeutischen Effekt.

Wie ist Ihr Zugang zu Allerheiligen und Allerseelen? Ist das für Sie ein wichtiger Fixpunkt?

Absolut. Da kommen alle Kinder zusammen, und es wird der Toten gedacht. Meine Kinder haben einen sehr naiven, unkomplizierten Zugang zum Thema Tod. Als mein Vater gestorben ist, hat mein Sohn Clemens zu Weihnachten ein Gedeck für den Verstorbenen hergerichtet. Das ist geblieben. Auch zu Allerheiligen ist immer ein Gedeck für die, die im vergangenen Jahr verstorben sind, am Tisch.

Woran glauben Sie?

Ich durfte dabei sein, als mein Vater gestorben ist, wie auch bei meinem Großvater. Das ist ein Hinübergehen in eine andere Welt. Ich glaube sehr wohl, dass es danach etwas gibt. Das ist nicht nur eine trügerische Sehnsucht in mir. Die Gesichtsausdrücke meiner verstorbenen Lieben waren so beseelt, dass ich froh war, das erleben zu dürfen, weil ich darin bestärkt war, dass es nachher etwas gibt.

„Mein Buch habe ich während der Pandemie geschrieben, und dies hat mir „das Leben gerettet“, weil ich die Chance hatte, mich zurückzuziehen und darüber zu schreiben.“

Hat die Pandemie in Bezug auf die Sicht auf den Tod mit der Gesellschaft etwas gemacht?

Die Pandemie war eine riesige Erschütterung ganz Europas, der ganzen Welt. Auch wir haben Freunde in der Pandemie verloren, und ich würde mir wünschen, dass mehr darüber gesprochen wird, aber nicht in Panik oder Angst. Wenn ich über etwas diskutieren kann, kann ich auch vernünftig reagieren.

Und mit Ihnen persönlich? 

Mein Buch habe ich während der Pandemie geschrieben, und dies hat mir „das Leben gerettet“, weil ich die Chance hatte, mich zurückzuziehen und darüber zu schreiben, mich auch selbst mit meiner Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, auch mit dem Altwerden. Kaiser Josef II hat in seiner Zeit, da die Menschen durch Seuchen geplagt, arm und irritiert waren, verfügt, dass jedes Theaterstück mit dem „Wiener Schluss“ positiv und humorvoll enden muss. So sehe ich mein Buch auch: Es muss was Positives dran sein! Ich hab mir damals gedacht: Das Leben ist schön, ich habe in dieser Zeit ein Enkelkind bekommen. Ich werde irgendwann einmal „weg sein“, aber das Leben geht weiter.