Michael Hochgerner: Ordnungshüter in den Bergen

Rund 30 Alpinpolizisten und -polizistinnen gibt es in Niederösterreich, der Lilienfelder Michael Hochgerner ist ihr Chef. Der Zustrom zur Truppe, sagt er, ist extrem groß.

Erstellt am 12. Januar 2022 | 05:21
Lesezeit: 6 Min
440_0008_8263628_noe02hochgerner_c_lpd_noe_hoellerer.jpg
Michael Hochgerner (54) leitet den Alpindienst der Landespolizeidirektion NÖ seit 1998. Der leidenschaftliche Bergsteiger und Jäger ist auch privat bei der Bergrettung.
Foto: LPD NÖ/Dietmar Höllerer

Mindestens vier Jahre harter Ausbildung braucht es, um vollwertiger Alpinpolizist zu werden. Skifahren und Klettern auf höchstem Niveau sowie jede Menge theoretisches Wissen sind vonnöten, um die Meisterstufe zu erklimmen, die des Polizeibergführers. Das ist auch Michael Hochgerner, seit 1998 oberster Alpinpolizist in NÖ.

Aktuell kontrolliert die Alpinpolizei stichprobenartig die Einhaltung der Covid-Regelungen in den Skigebieten.

NÖN: Gibt es eigentlich noch Menschen, die überrascht sind, dass es am Berg auch Polizei gibt?
Michael Hochgerner: Nein, das hat sich sehr verbessert. Weil die Alpinpolizei bei vielen Einsätzen gemeinsam mit Flugpolizei, Rettungshubschrauber und Bergrettung usw. tätig ist und hier auch schon viel an Medienarbeit passiert ist. Und da wissen die Leute, für alpine Unfälle ist die Alpinpolizei zuständig – so wie die Verkehrspolizei bei Unfällen auf der Straße.

Was sagen Sie Leuten, die ohne Planung losgehen und dann gerettet werden müssen, wenn Sie sie vom Berg holen?
Hochgerner: Wichtig ist einmal, dass man die Leute beruhigt. Und sie dann bittet, künftig besser aufzupassen, ihre Eigenverantwortung wahrzunehmen und die Tour gut zu planen. Im Extremfall müssen wir den Leuten auch sagen, dass jetzt in alle Richtungen ermittelt wird und der Bericht der Alpinpolizei an die zuständigen Behörden geht. Und auch an das Gericht zur strafrechtlichen Beurteilung. In Extremfällen kann durchaus ein Verfahren eingeleitet werden, etwa wegen Fahrlässigkeit.

Wie bei jenem Vorfall Anfang Dezember auf der Rax, wo eine Familie mit zwei Kindern erst um 15 Uhr Richtung Gipfel gestartet ist. Schließlich mussten sie von Bergrettung und Alpinpolizei gerettet werden – kommt das oft vor?
Hochgerner: Aus meiner Sicht sind das Einzelfälle, aber die können sehr gravierend enden. Ich erinnere mich an einen Fall auf der Hohen Wand im Jahr 2014, wo ein Vater mit seiner Frau und zwei Kindern, eines trug er am Rücken, ungesichert über einen Steilabstieg ins Tal wollte. Der Vater stürzte ab und starb mit einem Kind. Das war ein sehr fordernder Einsatz. Daran sieht man, dass die Tourenplanung, besonders mit Kindern, sehr gewissenhaft durchzuführen ist.

Wir können uns bei den Bewerbern zum Alpindienst wirklich die Besten aussuchen. Michael Hochgerner, Leiter der Alpinpolizei NÖ

Wintersportgebiete werden gerne mit Bildern beworben, auf denen Skifahrer oder Boarder in unverschneite Hänge einfahren. Das ist aber oft auch lawinengefährdetes Gebiet. Ärgert Sie das?
Hochgerner: Das ärgert mich persönlich nicht, man muss halt immer wissen, welchen Gefahren man sich aussetzt. Und da bin ich wieder bei der Prävention: gute Planung, dazu gehören die Wetterprognose und der Lawinenwarndienst des Landes NÖ. Auch wichtig sind Grundkenntnisse in Schnee- und Lawinenkunde und in der Anwendung der Ausrüstung. Da muss jedenfalls das Lawinenpipserl mit dabei sein, das am Körper eingeschaltet zu tragen ist und nicht im Rucksack. Ebenso wie Lawinenschaufel und Lawinensonde, Apotheke, Getränke, Reservewäsche und, ganz wesentlich, ein aufgeladenes und eingeschaltetes Handy, damit Hilfe geholt werden kann.

Ein Trend der letzten Jahre ist, dass sich Menschen für das perfekte Bild auf Social Media in Lebensgefahr begeben. Beobachten Sie das auch bei uns?
Hochgerner: Das passiert schon, aber zum Glück ist es die Ausnahme, dass dabei Unfälle passieren. Es kommt aber vereinzelt vor, dass für ein cooles Bild das alpine Risiko ignoriert wird.

Im vergangenen Winter haben viele Menschen das Rodeln wiederentdeckt. Was sich auch in der Unfallstatistik niederschlägt, zwischen November 2020 und Oktober 2021 gab es 60 Rodelunfälle in NÖ. Was ist am Rodeln so schwierig?
Hochgerner: Hier werden die Gefahren völlig falsch eingeschätzt. Beim Rodeln erreicht man in relativ kurzer Zeit enorme Geschwindigkeiten, je nach Steilheit des Geländes und auch der Beschaffenheit der Schneedecke. Und da rechtzeitig abzubremsen oder richtig in die Kurve zu lenken, ist natürlich eine Herausforderung. Eine Rodel ist ein Sportgerät wie ein Ski oder ein Mountainbike und damit sollte man sich vertraut machen. Sich eine Rodel ausborgen und losfahren ist jedenfalls keine gute Idee. Es ist anzuraten, erst einmal im flacheren Gelände zu üben.

Noch höher sind die Unfallzahlen beim Mountainbiken, da gab es im selben Zeitraum 154 Unfälle. Passieren die eher im freien Gelände oder auf den erlaubten Strecken?
Hochgerner: Die Unfallstatistik unterscheidet nicht zwischen erlaubten und nicht erlaubten Strecken. Aber das Fahren auf nicht genehmigten Strecken ist für uns insofern ein Thema, als es bei uns angezeigt wird. Denn das Fahren auf nicht genehmigten Stecken ist zumeist eine Verwaltungsübertretung.

Um wieder in den Winter zu kommen: Immer wieder schockieren Vorfälle von Fahrerflucht auf der Piste. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, Fahrerflüchtige zu erwischen?
Hochgerner: Die Fahndungsmaßnahmen sind sehr schwierig. Die Personenbeschreibungen sind meist sehr vage, „dunkle Bekleidung, weißer Helm“ – das sind schwierige Voraussetzungen. Viele Skifahrer sind sich auch nicht bewusst, dass sie einen Unfall mit Verletzten verursacht haben. Sie bleiben kurz stehen, fragen, ob alles passt, und Verletzte sagen oft im ersten Schock, alles sei okay – um später festzustellen, dass sie doch verletzt sind. Das wird aber trotzdem als Fahrerflucht gewertet. Daher bitte immer Namen und Adressen austauschen.

Ist Alkohol auf der Piste ein Problem?
Hochgerner: Grundsätzlich machen wir keine Alkoholkontrollen auf der Piste, das ist nicht vorgesehen. Wenn aber eine Kollision passiert, dann ist Alkohol genauso ein Thema wie bei einem Verkehrsunfall. Es werden dann in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Maßnahmen getroffen, um den Grad der Alkoholisierung festzustellen, weil das für die Verschuldensfrage ein entscheidendes Kriterium ist. Es gibt aber keine Promillegrenzen wie im Straßenverkehr.

Das Tourengehen ist ja mittlerweile so modern, dass es kaum noch Ausrüstung zu kaufen gibt. Ist der durchschnittliche Tourengeher einer, der sich im alpinen Gelände besser bewegen kann?
Hochgerner:  Tourengeher bereiten sich grundsätzlich sehr gut vor, Herz-Kreislauf-Probleme wie bei Wanderern oder Mountainbikern kommen hier nicht so oft vor. Aber sowohl die Tourengeher im freien Gelände als auch die Pistengeher werden immer mehr. Da kommt es hin und wieder zu Kollisionen, wenn eine Piste gequert wird. Daher gibt es analog zu den Regeln für Skifahrer jetzt auch welche für Tourengeher. Und die werden gut angenommen.

Es gab im vergangenen Jahr zehn Alpintote, aber es gab auch Jahre, wo doppelt so viele Menschen in den Bergen gestorben sind. Was sind die Ursachen für diese Diskrepanz?
Hochgerner: Die Ursachen sind vielfältig, denn auch Bergsteiger, die an Herz-Kreislaufversagen sterben, werden als Alpintote gewertet. Und dann gibt es auch spektakulärere Vorfälle, etwa Abstürze in der Seilschaft. Lawinenabgänge sind in NÖ eher die Ausnahme, die kommen in westlicheren Bundesländern häufiger vor. In NÖ haben wir außerdem einen sehr gut funktionierenden Lawinenwarndienst des Landes.

In den Bereich der Alpinpolizei fallen ja auch Hochseilgärten und Kletterhallen. Warum?
Hochgerner: Ja, NÖ ist ebenfalls zuständig für die Kletterhallen in Wien und dem Burgenland. Auch hier passieren Unfälle und für die Erhebung ist alpines Fachwissen notwendig.