Heiligenstädter Hangbrücke: Erste Bilanz für Baustelle. Viele Faktoren machen die Großbaustelle zu einem besonderen Projekt: Das Konstrukt selbst, die Engstelle mit Berg und Bahn oder die Tatsache, dass der Verkehr aufrecht bleibt.Online-Sprechstunde Fragen an MA29-Chef Hermann Papouschek und Baustellenkoordinator Peter Lenz.

Von Claudia Wagner. Erstellt am 03. März 2021 (04:21)
MA 18/Christian Fürthner

„Wir haben hier kein Routineprojekt vor uns, sondern ein Projekt, das in dieser Art noch nie gemacht wurde“, resümiert Hermann Papouschek, Leiter der Wiener Abteilung für Brücken- und Grundbau, MA29. Seit einem guten Monat ist die Heiligenstädter Hangbrücke Baustelle – in dieser Zeit ist schon viel passiert, erklärt der Abteilungschef bei einer Online-Sprechstunde. Der erste Schritt des Großvorhabens: der Abbruch des Gehsteigs.

„In den ersten Wochen und Monaten wird der bergseitige Bereich hergerichtet“, erklärt Papouschek. Der Gehsteig ist bereits aufgerissen, nun werden Einbauten und Leitungen verlegt. Der Verkehr fließt derzeit donauseitig.

Mit dem Start der Bauphase zwei (etwa Mai) wird der Verkehr auf die Bergseite verlegt, um Platz für Maschinen zu machen, die die Fundamente für die neue Stützmauer zehn Meter in den Felsen hineinbohren. Papouschek: „Diese Pfähle werden durchgebohrt durch das jetzige. Nachdem das Fundament errichtet worden ist, müssen wir kleinweise in Vier-Meter-Schritten die bestehende Konstruktion abbrechen und neu betonieren. So bewegen wir uns von beiden Seiten nach vorne und treffen uns in der Mitte.“

Die Hangbrücke liegt derzeit noch auf Lagern auf, die mit Pfählen im Felsen verankert sind. Das Stahlbetonkonstrukt aus den 70er-Jahren habe Schwachstellen, schildert der Wiener Brücken-Experte: „Diese Schwachstellen sind eine Fuge, die sich über die ganzen 880 Meter der Länge nach zieht und die beiden Fahrbahnhälften teilt. Die Fuge ist nach 45 Jahren undicht geworden, und wenn eine Fuge undicht wird, beginnt der Verfall.“

Neue Stützmauer für die nächsten 100 Jahre

In den nächsten zweieinhalb Jahren wird das Bauwerk deshalb durch eine starre Mauer ersetzt – eine besonders nachhaltige Wahl ohne Fuge, dafür mit durchgängiger Fahrbahn und durchgängiger Abdichtung. Papouschek: „Wir hinterlassen unserer Nachwelt keine Instandhaltungsleichen, weil bei nicht beweglichen Teilen die Prüfungs- und Instandhaltungstätigkeit wesentlich herabgesetzt wird.“ Die Lebensdauer der neuen Stützmauer wird auf 100 Jahre geschätzt – bei wesentlich günstigeren Erhaltungskosten.

Ein Verfall der Heiligenstädter Hangbrücke liegt nicht vor, aber: „„Würden wir hier länger zuschauen, laufen wir Gefahr, dass wir Gefährdungen produzieren. Wir wollen weder das Gebäude noch Menschen, die sich darauf oder darunter befinden, gefährden.“

Die Randbedingungen für das Großprojekt sind nicht einfach: Der Verkehr hat keine Ausweichroute, außerdem ist der Platz beschränkt – auf der einen Seite vom Leopoldsberg, auf der anderen von der Franz-Josefs-Bahn – an der engsten Stelle beträgt der Abstand zwischen Brücke und Oberleitung lediglich 40 Zentimeter. Dennoch ist eine erste Bilanz positiv. Papouschek: „Mein Eindruck ist ein durchaus optimistischer. Wir haben Glück im Pech mit der Pandemie, dass wir uns an diesen Zustand gewöhnen können.“

Die Heiligenstädter Hangbrücke ist wortwörtlich eine Zwickmühle, eingeengt zwischen Berg und Bahn. Das macht die Großbaustelle zur Herausforderung.
MA 18/Christian Fürthner

Für die Stadt Wien ist die Heiligenstädter Hangbrücke – neben dem U-Bahn-Bau – die derzeit größte Baustelle. „Überall anders in Wien wird die Straße gesperrt und über andere Straßen umgeleitet, das ist hier nicht möglich“, betont Peter Lenz, Baustellenkoordinator der Stadt Wien. Rund zwei Jahre habe man an dem Verkehrskonzept gearbeitet. Die ersten Wochen stimmen positiv: „Wir sind in engem Austausch mit der Polizei, und die Polizei bestätigt uns, dass es zu keinen nennenswerten Schwierigkeiten kommt. Momentan haben wir in ganz Wien aber weniger Verkehr, das ist covid-bedingt.“

Trotzdem: „Wir appellieren an alle Autofahrer – vor allem dann, wenn der Lockdown hoffentlich doch irgendwann vorbei sein wird und der Verkehr mehr werden wird –, sich zu überlegen, muss ich unbedingt mit dem Auto fahren?“, so der Baustellenkoordinator. Öffis und Rad seien gute Alternativen. Lenz: „Wenn das nicht möglich ist, dann vielleicht die Überlegung: Kann ich früher oder später wegfahren? Wenn alles nichts nützt und man darauf angewiesen ist, in der Hauptverkehrszeit zu fahren, dann bitte um Geduld.“

Geduld ist das Stichwort: Die Arbeiten an der Heiligenstädter Hangbrücke sind für rund zweieinhalb Jahre vorgesehen, Mitte 2023 soll die neue Stützmauer fertiggestellt sein. Papouschek: „Zweieinhalb Jahre Bauzeit für solche Projekte ist ein mitunter schon ehrgeiziges Ziel, aber wir hoffen, dass wir das mit unserer Expertise, unseren Fachleuten, mit unseren Partnern, aber auch mit etwas Glück, das überall dazugehört, bewerkstelligen werden.“

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