Umfangreiche Tschirtner-Retrospektive . Umfangreiche Tschirtner-Retrospektive zeigt 260 Arbeiten des bedeutenden Gugginger Künstlers.

Von Ewald Baringer. Erstellt am 22. Februar 2020 (03:48)
Oswald Tschirtner
NOEN

Geboren wurde er 1920 in Perchtoldsdorf, und ursprünglich wollte er Theologie studieren und Priester werden. Am Knabenseminar in Hollabrunn maturierte er mit Auszeichnung in den Fächern Kunst, Philosophie und Religion. Doch dann wurde Oswald Tschirtner zu Wehrmacht eingezogen, war als Funker in Stalingrad im Einsatz und landete als Kriegsgefangener in Südfrankreich. Dort wurde er „in verwirrtem Zustand“ aufgegriffen. 1954 wurde er in der damaligen N.Ö. Landes-Heil- und Pflegeanstalt Gugging aufgenommen.

Seine künstlerische Laufbahn begann unter der Obhut von Primarius Leo Navratil. Allein im Jahr 1971 entstanden über 370 Bilder. Ab 1981 lebte er im Haus der Künstler und war bis zuletzt – Tschirtner starb 2007 – aktiv. Nie aus eigenem Antrieb, sondern stets auf Anregung und Wunsch, zunächst von Navratil, später von Johann Feilacher.

„Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.“ Oswald Tschirtner, Gugginger Künstler

Weithin bekannt wurde Tschirtner durch seine Kopffüßer: rumpflose Gestalten, mit wenigen Strichen in Tusche gefertigt, in ihrer Reduziertheit geradezu archaisch. Wiewohl sich selbst Berühmtheiten wie David Bowie und Arnulf Rainer für ihn und sein Werk interessierten, war ihm Anerkennung nicht wichtig. Zurückhaltend und harmoniebedürftig, wie er war, in seiner Erscheinung ein Sir, ging es ihm um den Frieden unter der Menschen und um die innere Balance.

Das kommt auch im Titel der Ausstellung „oswald tschirtner.! das ganze beruht auf gleichgewicht“ zur Geltung, eine große Retrospektive, die das museum gugging einem ihrer bedeutendsten Künstler zum hundertsten Geburtstag ausrichtet.

Bis 27. September sind in dieser bisher größten Personale über 260 Werke zu sehen, von Klein- bis Großformaten. Dazu ist auch ein opulenter, reichhaltig illustrierter 468-seitiger Katalog mit umfangreichem Werkverzeichnis erschienen, in dem unter anderem Nina Katschnig ihre Erinnerungen an persönliche Begegnungen mit Tschirtner schildert.

Zahlreiche Veranstaltungen wie Fokusführungen, der Gugginger Guglhupf, die offene Kreativwerkstatt oder Eltern-Kind-Kreativ begleiten die Ausstellung. Am 24. Mai – Tschirtners 100. Geburtstag – ist ein großes Fest geplant.

„Oswald Tschirtners Weg zum Künstler war nicht vorgezeichnet. Gleichzeitig war er bis ins hohe Alter in der Lage, Neues zu entwickeln“, erklärt Johann Feilacher, künstlerischer Leiter des museums gugging und Kurator der Ausstellung. „Darüber hinaus ist kaum ein Künstler mit Gugging so verbunden.“ Immerhin verbrachte Tschirtner hier 53 Jahre seines Lebens.

Auf einem Blatt hat Tschirtner 1971 nur zwei Sätze aufgeschrieben, die wohl essenziell für sein Denken und Empfinden sind und gleichsam ein Vermächtnis darstellen: „Liebe. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes“.