Anonymes Schreiben: Spitalskraft ortet Chaos. Fehlentscheidungen, blanke Nerven? Landesklinikum Stockerau und Rotes Kreuz kontern.

Von Michaela Höberth. Erstellt am 13. Mai 2020 (03:46)
Rainer Ernstberger, ärztlicher Leiter im Landesklinikum Stockerau: „Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat höchste Priorität. Jetzt zu verunsichern, ist fehl am Platz und demotivierend.“
NÖN/Archiv

Probleme mit der Schutzausrüstung, unnötige Anschaffungen und Patienten, die gar nicht an Covid-19 erkrankt sind: So schildert eine Mitarbeiterin des Landesklinikums Stockerau ihren Arbeitsalltag. Sie hat ein Schreiben an FPÖ-Landtagsabgeordnete Ina Aigner gerichtet, die über die beschriebenen Vorgänge den Kopf schüttelt: „Man darf trotz der Coronasituation nicht in Panik verfallen und Anschaffungen machen, die niemandem helfen.“

Aigner ist die Verfasserin des Schreibens bekannt, gegenüber der Öffentlichkeit will diese jedoch anonym bleiben. Im Stockerauer Spital, das seit Wochen für Covid-19-Fälle zuständig ist und ab 15. Mai wieder reguläre Behandlungen zulässt, würden jedenfalls Missstände herrschen: Es würden abgelaufene FFP3-Masken verwendet, die damit unter die Kategorie FFP2 fallen. Dafür gebe es aber keine fachliche oder geprüfte Bestätigung, so die Kritik.

„Die Vorgabe lautet maximale Vorsicht. Es geht darum, die Patienten und auch das Klinik-Personal zu schützen.“ Sonja Kellner, Rotes Kreuz

Die wieder aufbereiteten FFP2-Masken seien für die Mitarbeiter unerträglich; sie würden unter Juckreiz, Rötungen, Ekzemen und Kopfschmerzen leiden, und unter dem „Gefühl, zu ersticken“. Außerdem stehe für jeden Dienst (zwölf Stunden) nur eine Maske zu Verfügung, die schnell durchnässt oder deren Gummizüge abreißen.

Das Klinikum wehrt sich gegen die Vorwürfe: „Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat höchste Priorität. Sie geben alle ihr Bestes in dieser außergewöhnlichen Situation. Jetzt zu verunsichern, ist fehl am Platz und demotivierend“, sagt der ärztlicher Direktor Rainer Ernstberger. Die FFP3-Masken seien an zentraler Stelle geprüft worden, es gebe keine Einschränkung in der Funktionalität und Sicherheit. „Verschmutzte oder durchnässte Masken können selbstverständlich jederzeit durch das Personal ausgetauscht werden. Dies gilt ebenso für defekte Masken mit schadhaften Gummibändern“, versichert Sprecherin Melanie Billwatsch.

Doch das ist nicht die einzige Kritik der Mitarbeiterin: Kostspielig sei die Anschaffung von OP-Schuhen gewesen: Diese würden schmerzen und den Mitarbeitern oft nicht passen. Sie bleiben daher ungenutzt. Für 900 Euro seien Hygieneständer angeschafft worden, um die tägliche Ausrüstung dort abzulegen. Das Personal hätte angemerkt, dass es simple Tische getan hätten; nach dieser Kritik hätte es nicht mehr einen Ständer pro Patientenzimmer gegeben, sondern nur noch einen Ständer pro Pflegekraft, also drei pro Dienst.

Die waschbaren OP-Schuhe seien, so das Landesklinikum, nach Abstimmung mit Experten und auf dringende Empfehlung für die Mitarbeiter der Intensivstation angeschafft worden. „Gleiche OP-Schuhe werden bereits seit Jahren in den OP- und Aufwachbereichen des Klinikums ohne Probleme verwendet“, so Billwatsch. Und die erwähnten Hygienecenter – sie dienen zur Aufbewahrung der persönlichen Schutzausrüstung und von Desinfektionsmittel – seien bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Pandemie angeschafft worden. „Gerade als Schwerpunktkrankenhaus für die ausschließliche Behandlung Covid-19-positiver Patienten hat sich die Anschaffung durchaus als sehr nützlich erwiesen.“

Neben dem Klinikum kritisiert die Mitarbeiterin auch das Rote Kreuz: Es stehe nur noch Corona im Fokus der Rettungskräfte, andere Krankheiten würden dadurch übersehen. Sie erzählt von drei Fällen, in denen Patienten nach Stockerau gebracht wurden, die gar nicht an Covid-19 erkrankt waren. Da jeweils ein Symptom einer Corona-Erkrankung entsprach, hätten die Rettungskräfte die Patienten „aus Angst“ ins Covid-19-Spital gebracht.

„Panik liegt unseren Leuten fern“

„Panik liegt allen unseren Leuten fern“, stellt Rotkreuz-Sprecherin Sonja Kellner klar. Seit Februar seien die Einsatzkräfte mit Corona konfrontiert, dank Schulungen werde hochprofessionell mit der Situation umgegangen. „Ja, wenn wir einen Fall bekommen und die Möglichkeit auf Covid-19 besteht, müssen wir den Patienten ins zuständige Krankenhaus bringen. Hätten die drei angeführten Fälle eine Corona-Erkrankung gehabt, wären aber ohne Abklärung in ein anderes Klinikum gebracht worden, hätten wird damit drei Krankenhäuser lahmgelegt!“ Vorgabe: maximale Vorsicht!

Bei einer Corona-Erkrankung sei es schwer, die Symptome eindeutig zuzuordnen, daher brauche es eine Überprüfung durch Fachpersonal. Dieses Vorgehen soll alle Beteiligten schützen; den betroffenen Pa tienten, die Patienten in den Klinikstandorten und nicht zuletzt auch das Klinik-Personal.