Eine „Denkfabrik“ gegen Viren in Korneuburg . Das biopharmazeutische Unternehmen hat Nasenspray entwickelt, der auch gegen Corona wirkt.

Von Veronika Löwenstein. Erstellt am 15. Mai 2021 (04:30)
Virologe und Marinomed-Gründer An dreas Grassauer (li.) mit Chemiker Benedikt Engel im Forschungslabor am neuen Standort in der Hovengasse. Löwenstein
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Die alte Girak-Halle in der Hovengasse ist einem schmucken Neubau gewichen, das alte Bürogebäude wurde modernisiert. Das biopharmazeutische Unternehmen Marinomed hat vor einem Jahr seinen Standort nach Korneuburg verlegt, seit einem Monat läuft der Vollbetrieb mit 47 Mitarbeitern. Herzstück ist ein rund 500 Quadratmeter großes Labor, wo an Wirkstoffen zur Bekämpfung von Atemwegs- und Augenerkrankungen geforscht wird und entsprechende Medikamente entwickelt werden.

Das Unternehmen könnte gerade im Kampf gegen die Corona-Pandemie noch eine wichtige Rolle spielen: 2010 wurde der Virenblocker-Wirkstoff Carragelose auf den Markt gebracht. Der auf Rotalgen basierende Nasenspray – in Apotheken unter dem Namen „Coldamaris plus“ erhältlich – wirkt auch gegen die Corona-Viren und seine Mutanten, das zeigen aktuelle klinische Studien. Demnach verhindert der Wirkstoff eine Infektion mit dem Corona- Virus zu 80 Prozent. In Form einer physikalischen Bindung wird das Virus verklebt, erklärt Virologe Andreas Grassauer die Wirkungsweise von Carragelose, und er ergänzt: „Das tut es auch mit dem Coronavirus.“

Marinomed ist ein Spin-off der Veterinärmedizinischen Universität. Weil dort der Platz zu eng wurde und das Unternehmen seit 2019 an der Börse notiert, begab man sich auf Standortsuche. Der Neubau bietet zudem Wachstumsmöglichkeiten. „Wir können auf bis zu 70 bis 75 Mitarbeiter wachsen und haben das auch vor“, kündigt Grassauer an. Das Unternehmen bringt hochwertige Arbeitsplätze in die Stadt, Biologen, Pharmazeuten, Immunologen und Virologen sind hier beschäftigt. Die Idee, einem alten Industriestandort mit einem zukunftsträchtigen Forschungsbetrieb neues Leben in Form einer „Denkfabrik“ einzuhauchen, hat Grassauer gefallen: „Weniger rauchende Schlote, dafür mehr rauchende Köpfe“, lautet das Motto.

Der Nasenspray wird mittlerweile in 40 Länder exportiert und hat dem Unternehmen gestiegene Umsätze beschert. „Wir sind Krisen-Gewinner“, weiß Grassauer. Denn das Potenzial des Mittels sei groß: „Es wird sich zeigen, ob Regierungen und große Organisationen sagen, wir nehmen es, um unser Personal zu schützen. Dann wird es ganz spannend.“ Der großflächige Erfolg hänge nicht nur von den Daten ab, sondern auch von dem Druck, der entstünde, wenn Menschen trotz Impfung erkranken und eine Behandlung brauchen. Grassauer ist überzeugt: „Das Spray ist nicht die Lösung des Problems, könnte aber ein Teil der Lösung sein.“ Denn eines sei sicher: „Das Virus wird bleiben!“

Der Firmengründer kommt ursprünglich aus der Influenza-Forschung. Gegen das Influenza-Virus sei das Covid-19-Virus geradezu „ein Krüppel“, erklärt er den Unterschied. Eine Infek tion mit Influenza nehme einen fulminanten Verlauf, beschreibt er: „Wenn jemand mit schlechtem Gesundheitszustand mit 40 Grad Fieber auf der Intensivstation liegt, ist er entweder am nächsten Tag tot oder er überlebt und belegt das Intensivbett nur kurz.“ Das Coronavirus sei aus virologischer Sicht „nicht der perfekte Sturm“, so der Experte, „das Windpocken-Virus ist sehr viel infektiöser“. Und er erinnert an eine Coronavirus-Pandemie von 1890, an der ein bis zwei Millionen Menschen gestorben sind. Das damals grassierende Virus, genannt OC43, gehöre heute zu den Standard-Viren, „man bekommt es als Kind als Schnupfenvirus.“

Die Corona-Maßnahmen sieht Grassauer kritisch, sie seien aus epidemiologischer Sicht nicht „unbedingt gerechtfertigt“. „Anstatt ein ganzes Land lahmzulegen, wäre es besser gewesen, in das Gesundheitssystem zu investieren, um dort Ressourcen zu haben“, ist er überzeugt. Und auch die wissenschaftliche Begleitung der Maßnahmen geht ihm ab, denn man wusste seit Jahren, dass so eine Pandemie kommen wird. „Und es wird nicht die letzte gewesen sein ...“