Krems

Erstellt am 13. März 2018, 05:00

von Petra Vock

Krems 1938: Der Führer kam nicht. Die Kremser Nazis waren zwar bestens vorbereitet, auf Hitler wartete man jedoch vergebens.

Krems im März 1938: Hakenkreuze und NS-Parolen am Steinertor.  |  Archiv Ernst Kalt

Es ging ruck, zuck am Abend des 11. März 1938: Noch während der Radio-Übertragung der Abschiedsworte „Gott schütze Österreich“ von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg formierten sich die Kremser Nazis zu einem Fackelzug in der Landstraße, um mit Sprechchören die Machtübernahme zu feiern.

Am Abend des 11. März 1938 zogen Nazis mit Fackeln und Sprechchören durch die Landstraße. Nicht zum ersten Mal: Unser Foto zeigt einen früheren Fackelzug vom 21. Februar 1938. Links im Bild der jüdische Betrieb Wasservogel, der bald darauf „arisiert“ wurde.    |  Archiv Ernst Kalt

Gegen 4 Uhr früh wehte NS-Fahne an Kaserne

Kurz darauf kam es bereits zu ersten Verhaftungen politischer Gegner. Nur wenige Minuten nach der Schuschnigg-Rede beobachteten Augenzeugen vom Steinertor aus, wie Bezirkshauptmann-Stellvertreter Hans Vanura abgeholt wurde. Auch der Kremser Bürgermeister Johann Ramböck wurde umgehend abgesetzt.

Gegen 22 Uhr wurde die austrofaschistische „Frontmiliz“ von den Nationalsozialisten entwaffnet und in den Keller des Restaurants beim Steinertor gesperrt. Noch in derselben Nacht übernahmen die neuen Herren die Kaserne, und gegen 4 Uhr früh konnten sie dort die Hakenkreuz-Fahne hissen. Das alles geschah noch, bevor die ersten deutschen Truppen am frühen Morgen des 12. März die Grenze überschritten.

In Erwartung des Führers:Die Landstraße präsentierte sich beim Einmarsch der deutschen Truppen in einem Meer aus Hakenkreuz-Fahnen.  |  NOEN, Archiv Ernst Kalt

Zwei Tage später erwartete auch Krems in einem Meer aus Hakenkreuz-Fahnen den deutschen Einmarsch. Der Führer ließ Krems jedoch links liegen und fuhr über St. Pölten nach Wien. „Alles andere wäre auch widersinnig gewesen“, erklärt der Kremser Hobby-Historiker Ernst Kalt. „Die Wachaustraße war nicht für Fernverkehr geeignet.“ Der ungewohnte Linksverkehr habe den Deutschen beim Einmarsch sowieso Probleme bereitet: „Es gab etliche Tote.“

Altstadt war für Hitler keinen Besuch wert

Auch als Hitler im April 1939 doch nach Krems kam, wurden die Erwartungen nicht erfüllt. Die Kremserin Sophie Grubich (Jahrgang 1929), damals zehn Jahre alt, erinnert sich im Gespräch mit der NÖN an diesen Tag: „Ich war mit der Mutter im Hotel Post, wo mein Vater als Kellner gearbeitet hat. Viele Leute waren im Vorgarten und an den Fenstern, weil die Nachricht verbreitet wurde, dass der Führer kommt.“

Dem war die Altstadt jedoch keinen Besuch wert. Statt für die Kremser Baujuwele interessierte er sich nur für den Truppenübungsplatz. „Eine große Enttäuschung für die Hitler-Fans“, berichtet der Kremser Historiker Robert Streibel.

Nach dem Anschluss dauerte es nicht lange, bis die Innenstadt einen schaurigen Anblick bot. In seinem Buch „Krems 1938–1945“ lässt Streibel dazu einen Zeitzeugen zu Wort kommen: „Einige Geschäfte waren geplündert, einige Auslagen kaputt und überall schräge Zettel mit ,Jude‘.“ Die Synagoge in der Dinstlstraße war mit Hakenkreuzen beschmiert. Ein Gang durch die Stadt habe „einen unheimlichen Eindruck“ gemacht, so der Zeitzeuge: „Man hat direkt die Tragödie vorausgefühlt.“