Häusliche Gewalt: „Gewalt nimmt als Thema zu“. Vier Frauenmorde in 14 Tagen erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Von Petra Vock und Martin Kalchhauser. Erstellt am 22. Januar 2019 (05:35)
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Symbolbild

Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, das die vier Morde – drei davon in Niederösterreich – gemeinsam haben. Doch was ist der Grund für die aktuelle Häufung von Morden an Frauen? Ist die Gewalt in der Gesellschaft, von verbalen Entgleisungen über persönliche Beleidigungen bis zu körperlichen Angriffen, im Vormarsch?

Keine offizielle Stellungnahme gibt es seitens der lokalen Polizeidienststellen, weil sich das Innenministerium die Pressearbeit in dieser Sache vorbehalten hat. Unter der Hand ist aber zu erfahren, dass die Gewaltbereitschaft und auch die statistisch erfassten Delikte aktuell in der Region nicht zunehmen. „Aufsehenerregende Fälle sorgen für Gesprächsstoff, aber ein beängstigender Trend ist nicht sichtbar“, meint ein Polizist einer Inspektion im Bezirk. „Die Zahl der Körperverletzungs-Delikte ist bei uns nicht im Steigen begriffen.“ Im vergangenen Monat hat es in Stadt und Bezirk aber immerhin 15 Wegweisungen aggressiver Personen bzw. Betretungsverbote gegeben. Eine hohe Zahl, wie ein Insider bestätigt.

Gewalt durch soziale Medien

In der Kremser Frauenberatungsstelle „Lilith Frauenzimmer“ am Hafnerplatz nimmt das Thema Gewalt in der Beratung zu, wie Klinische und Gesundheitspsychologin Alexandra Koschier berichtet. Sie führt das aber nur teilweise auf eine gewalttätiger werdende Gesellschaft, sondern primär auf eine steigende Sensibilität zurück: „Gewalt ist nicht mehr so versteckt, wird mehr thematisiert.“

Ähnlich sieht das die Kremser Rechtsanwältin Sonja Fragner, die Prozessbegleitungen für Gewaltopfer macht. Sie erinnert an die „g’sunde Watsch’n“, die vor wenigen Jahrzehnten noch kaum jemanden gestört hat, heute aber nicht mehr toleriert wird. „Es gibt auch Dinge, die von der Staatsanwaltschaft vor zehn Jahren noch nicht weiterverfolgt worden wären, heute aber schon, weil Gewalt als No-Go gilt.“ Eine Zunahme ortet Fragner aber bei Gewalt durch soziale Medien: „Die Anonymität des Internets eröffnet da leider neue Möglichkeiten.“

Trotz steigender Sensibilität gegenüber Gewalt sei die Hemmschwelle, Beratung in Anspruch zu nehmen, noch immer hoch, bedauert Koschier: „Und das, obwohl Frauen sehr niederschwellig zu uns ins Lilith kommen können – ohne Termin, ohne Kosten und ohne den Namen zu nennen.“

 Auch Aktion „Gemeinsam sicher“

 In der Beratung zeige sich, dass häusliche Gewalt sich nicht als soziales Randthema abtun lasse, so Koschier: „Sie zieht sich durch alle Schichten, ist von Bildung und Status unabhängig und kommt weltweit vor.“ Da Bluttaten meist eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt vorangeht, würde sich Koschier mehr Geld wünschen – nicht nur für den Gewaltschutz, sondern auch für die Präventionsarbeit der Frauen- und Männerberatungsstellen. Denn Beratung sei ein Beitrag, um eine Eskalation der Gewalt zu verhindern.

Der Prävention gegen Gewalt widmet sich am Rande auch die Aktion „Gemeinsam sicher“, die im Bereich des Bezirkspolizeikommandos Krems in den Händen Herbert Goldnagls liegt. Er und seine Kollegen versuchen, der Gewalt vorzubeugen, indem sie etwa den öffentlichen Bereich (dunkle Passagen, Parkhäuser …) sicherer machen.

Was aus Sicht der Lilith-Frauenberatung noch hilfreich wäre: Das Wohnen im Frauenhaus sollte nicht ans Bundesland gebunden sein, und es sollte mehr Wohnmöglichkeiten für Frauen im Anschluss an die Frauenhäuser geben, so Koschier: „In Krems haben wir ja Gott sei Dank das Lilith-Wohnzimmer für Frauen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind.“

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