Corona-Tagebuch: Gföhler Ärztin spricht Klartext. Allgemeinmedizinerin schreibt in NÖN-Gastkommentar vielen Lesern aus der Seele, Beitrag von Alexandra Holzmann-Masin auf Facebook bislang fast 15.000 Mal geteilt.

Von Gerald Mayerhofer. Erstellt am 22. Oktober 2020 (06:14)
Haben keine Angst vor dem Coronavirus und fürs Foto kurz die Maske abgenommen: die Gföhler Allgemeinmedizinerin Alexandra Holzmann-Masin mit ihrer Assistentin Heidi Gießrigl (von links).Mayerhofer
Gerald Mayerhofer

Bereits mehrmals zeigte die Allgemeinmedizinerin Alexandra Holzmann-Masin in ihrem Corona-Tagebuch in der NÖN Missstände auf.

Ihr letzter Tagebuch-Eintrag in der NÖN-Ausgabe der Woche 41 brach alle Rekorde, nachdem Gesundheitsstadtrat Günter Steindl (SPÖ) diesen auf Facebook veröffentlichte: Innerhalb von nur 24 Stunden wurde der Beitrag von rund 10.000 Facebook-Benutzern auf deren eigene Startseite gestellt. Mittlerweile wurde der Tagebuch-Eintrag fast 15.000 Mal geteilt. Die NÖN hat beide zum Interview eingeladen und um ihre Eindrücke gebeten.

NÖN: Was veranlasste Sie, das Corona-Tagebuch von Frau Doktor Holzmann-Masin auf Facebook zu posten?

Günter Steindl: Als Betroffener, der COVID schon im März hatte und Antikörper aufweist, bin ich besonders sensibilisiert. Aber auch als Gesundheitsstadtrat kann ich es nicht mehr mit ansehen, wie die Regierung die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt! Es muss möglich sein, bei Krankheitssymptomen – egal welchen – zum Arzt gehen zu können. Das hat Frau Doktor Holzmann-Masin aufgezeigt und zurecht über 15.000 positive Reaktionen erhalten. Sie macht einen tollen Job und verbreitet keine Hysterie.

Was ist Ihre Motivation, NÖN-Lesern an Ihren Praxis-Erlebnissen während der Corona-Pandemie teilhaben zu lassen?

Alexandra Holzmann-Masin: Corona ist eine Herausforderung für uns alle. Als Hausärztin bin ich Ansprech- und Vertrauensperson. Dabei habe ich beobachtet, dass die Angst vor dem Coronavirus das Gesundheitssystem lähmt und ein normales Agieren kaum zulässt. Ich möchte den Menschen die Angst nehmen, zum Arzt zu gehen.

Haben Sie mit einem dermaßen großen Interesse und dieser unglaublichen Solidarität Ihrer Person gegenüber gerechnet?

Holzmann-Masin: Mir war bewusst, dass dieses Thema auf Interesse stoßen würde, aber mit so viel positivem Feedback habe ich nicht gerechnet – vielen Dank dafür!

Was war Ihr bislang prägendstes Erlebnis?

Holzmann-Masin: Ich bin als Ärztin auch in Pflegeheimen tätig und beobachte dort als Folge der COVID-Schutzmaßnahmen eine Vereinsamung der Bewohner, die zum Teil wochenlang von ihren Familien getrennt sind, weil Besuch nur eingeschränkt zugelassen ist. Da bleibt vielleicht der Körper gesund – der Geist aber stirbt. Das macht mich sehr traurig und erinnert mich an das Lied „Sonntag Nachmittag“ von Reinhard Fendrich.

Trotz Corona-Schutzmaßnahmen ist jeder Patient in Ihrer Ordination willkommen. Das wirkt nicht in jeder Hausarzt-Ordination so. Wie stehen Sie zum Verhalten einiger Kollegen, die nur eingeschränkt Betrieb haben?

Holzmann-Masin: Ich möchte und werde nicht über andere urteilen. Ich sehe es als meine Pflicht, mit gebotener Vorsicht – dazu gehören Abstand, Handschuhe und Maske – meine Patienten weiterhin persönlich zu betreuen. Ein akuter Blinddarm kann nicht auf einen negativen Corona-Test warten, der Herzinfarkt auch nicht. Und Patienten mit Fieber und Schnupfen sind im Herbst Normalzustand. Leider habe ich in den letzten Wochen mehrfach Patienten behandelt, die in anderen Ordinationen abgelehnt wurden, weil kein negativer Corona-Test vorgewiesen werden konnte. Ohne eine persönliche Begutachtung ist das Stellen einer Diagnose nicht möglich.

Was raten Sie Ihren Patienten, um gut durch die Grippe- und Corona-Welle zu kommen?

Holzmann-Masin: Neben den bekannten Maßnahmen zur Risikoreduktion einer Infektion: regelmäßige Bewegung im Freien, ausreichend Schlaf und positives Denken. Angst ist ein schlechter Ratgeber, wir brauchen mehr Hausverstand, um die Krise zu bewältigen.