Anrainer proben Aufstand wegen Bauprojekt. 150 Jahre alte Häuser des Schillerstraßen-Ensembles stehen vor dem Abriss. Den geplanten 72 Wohnungen müsste auch ein Gartenpavillon aus dem Biedermeier weichen.

Von Franz Aschauer. Erstellt am 21. Januar 2020 (04:07)
Einer der Beschwerdeführer der Anrainer, Richard Scholter, fürchtet durch das Bauvorhaben um seine Lebensqualität. Im Hintergrund der Pavillon, der den 72 Wohnungen weichen müsste.
Franz Aschauer

„Rettet die Schillerstraße!“ Unter diesem Motto haben sich zahlreiche Anwohner der historischen Innenstadtstraße und ihrer unmittelbaren Umgebung zusammengeschlossen, um gegen ein Bauvorhaben anzukämpfen. Die Wiener Haring Group möchte die Häuser Nummer 2 und 4 abreißen lassen und an ihrer Stelle 72 zwischen 40 und 80 Quadratmeter große Eigentumswohnungen samt einer Tiefgarage errichten.

Richard Scholter, der eine Unterschriftenaktion gegen das Projekt gestartet und sich mit Briefen an den Magistrat, die Politik und Vertreter der Kunstmeile gewandt hat, spricht von „Kulturvernichtung“ und der „ultimativen Zerstörung eines baulichen Unikats“.

Gebäude historisch höchst wertvoll

Die Gebäude in der Schillerstraße seien aus dem Spätbiedermeier und historisch höchst wertvoll. Stadthistoriker Ernst Kalt, der in der Schillerstraße aufgewachsen ist, bestätigt das: „Die Häuser sind über 150 Jahre alt und sind ein Musterbeispiel für die Architektur der Gründerzeit. Durch ihren Abriss wäre das gesamte Ensemble beschädigt.“

Und nicht nur das: Auch ein auf einer verwilderten Grünfläche stehender Pavillon, dessen Erbauung ebenfalls in der Biedermeier-Zeit vermutet wird, müsste dem Neubau weichen. Gerhard Kostera, der direkt neben den bedrohten Häusern wohnt, wäre es auch um die Tierwelt leid: „In dem Garten leben irrsinnig viele Vögel. In einer Föhre brütet jeden Sommer ein Habicht.“

Eine weitere Sorge: Weil die Häuser 4 und 6 nur durch eine Feuermauer getrennt sind, könnten beim Abriss Beschädigungen an der Nummer 6 entstehen. „Die Mauern sind in einem schlechten Zustand. Keiner weiß genau, was passiert.“

Die Schillerstraßen-Häuser 2 (rechts) und 4 sollen abgerissen werden. Kritiker befürchten die Zerstörung des gesamten 150 Jahre alten Ensembles.
Johann Lechner

Ganz konkrete Befürchtungen wegen der Auswirkungen des Bauprojekts auf seine Eigentumswohnung in der Kasern straße, die unmittelbar hinter den betroffenen Schillerstraßen-Häusern liegt, hat Anrainer-Sprecher Scholter. Er glaubt, durch den 12,45 Meter hohen Neubau schon früh ohne Tageslicht auskommen zu müssen, und dass durch die Verbauung deutlich mehr Lärm entsteht.

Haring Group sucht Kontakt zu Anrainern

Günther Einwögerer, der Chef der Projektentwicklung bei der Haring Group, ist um einen Konsens mit den Anrainern bemüht und ist derzeit dabei, ein Treffen zu koordinieren. Bezugnehmend auf die Sorgen wegen des verbauten Innenhofs könne er zwar nicht bestreiten, dass dort dann „mehr sein wird“, er würde aber nicht unterschreiben, dass die Wohnungsqualität abnimmt.

„Wir haben das Projekt schon kleiner gemacht, als ursprünglich geplant. Außerdem bleibt die Grünfläche eigentlich so groß, wie sie vorher war.“ Dass beim Abriss von Haus 4 Schäden an der Nummer 6 entstehen „sollte kein Thema sein“, sagt Einwögerer.

Seitens des Magistrats weist Baudirektor Reinhard Weitzer darauf hin, dass „für den Straßenzug der Schillerstraße keine Schutzzone ausgewiesen“ ist. Ebenso wenig gebe es „Unterschutzstellungen nach dem Denkmalschutzgesetz“. Zudem würde das Projekt „das dreigeschossige Erscheinungsbild“ der Umgebung fortführen.

Aktuell seien am Amt für Anlagenrecht zwei Bewilligungsverfahren anhängig, für die beide noch das Ermittlungsverfahren läuft. Die „geäußerte Befürchtung“, die Häuser könnten schon in den nächsten ein bis zwei Wochen abgerissen werden, ist laut Weitzer also „unbegründet“.