Neue Landesgalerie: Museumsneubau mit Wow-Effekt. Der praktisch fensterlose, von tausenden Metallschindeln bedeckte, dynamische Baukörper wirkt wie von der Hand eines Riesen verformt. Eine einzige lotrechte Gebäudekante und alle paar Meter eine neue, überraschende Perspektive. Die neue Landesgalerie Niederösterreich in Krems ist definitiv ein Museum mit Wow-Effekt. Von 1. bis 3. März wird der spektakuläre Neubau der Öffentlichkeit präsentiert.

Von APA Red. Erstellt am 03. Januar 2019 (11:48)

Will Krems nun Bilbao werden? Christian Bauer, der künstlerische Direktor des neuen Museums, hört diese Frage sichtlich nicht zum ersten Mal. Und er hat beim Lokalaugenschein der APA eine unaufgeregte, elaborierte Antwort darauf: "Die äußere Erscheinung des Museums ist Teil des Gesamtkonzepts. Es war aber nicht die Suche nach einem spektakulären Akzent, sondern der Wunsch nach Erkennbarkeit und Identität, der uns geleitet hat - was ja auch nachvollziehbar ist, wenn man in einer so malerischen Landschaft im 21. Jahrhundert ein neues Museum baut."

70.000 jährliche Besucher erwartet

Der sprichwörtliche Bilbao-Effekt, den das 1997 eröffnete Guggenheim-Museum Frank O. Gehrys auslöste, spült jährlich über eine Million Besucher in das neue Wahrzeichen der zuvor abseits der Touristenströme gelegenen größten Stadt des Baskenlandes. In Krems kalkuliert man deutlich vorsichtiger: Auf 70.000 jährliche Besucher in der Landesgalerie und 50.000 in der benachbarten und durch ein gemeinsames Untergeschoß verbundenen Kunsthalle beziffert Julia Flunger-Schulz, Geschäftsführerin der Kunstmeile Krems, die Erwartungen.

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Architekt Bernhard Marte

Doch noch wichtiger als die überregionale Strahlkraft des neuen Solitärs ist den Betreibern die Akzeptanz des ungewöhnlichen Baus bei der örtlichen Bevölkerung. Deshalb habe man an die 350 Informationsveranstaltungen in den unterschiedlichsten Settings absolviert, schildert Bauer, inklusive einer Tour, die ihn und Kurator Günther Oberhollenzer in Schulen in ganz Niederösterreich führte. Die Schüler erhielten dabei Kartonmodelle des Museums zum Selberbauen, den "Bernhard", benannt nach Architekt Bernhard Marte vom Vorarlberger Büro marte.marte, das mit diesem Gebäude einen Referenzbau abliefert.

Eine "tänzerische Skulptur" nannte Elke Delugan-Meissl, die Vorsitzende des Architekturwettbewerbs, das 35 Millionen Euro teure Gebäude, das sich von einer quadratischen Grundfläche von 33 mal 33 Metern als sich leicht verjüngender Pyramidensockel in einer eleganten Drehbewegung 21,5 Meter in die Höhe schraubt und Richtung Donau zu wenden scheint. Die 7.200 matt-silbergrauen Schindeln aus einer Zink-Titan-Legierung sind als Referenz an die mittelalterliche Dächerlandschaft von Stein gedacht.

Dass dieses Architektur-Statement des 21. Jahrhunderts am Tor zur Wachau trotz Welterbezone und Denkmalschutz ohne lautstarke Bürgerproteste möglich war, zeigt, dass die Strategie des Dialogs wohl aufgegangen ist. Der Erfolg eines Museums sei vor allem an seiner Akzeptanz und Verankerung in der Bevölkerung zu messen, sagt Bauer, und erzählt von der Absicht, das im Erdgeschoß durch seine gebogene Glasflächen leicht und einladend wirkende Gebäude zum Treffpunkt der Menschen und echten "kulturellen Nahversorger" zu machen.

Deswegen befindet sich die Caféterrasse vor und nicht auf dem Museum. In der Höhe wird eine kleine Terrasse zwar dank eines großen Fassadeneinschnitts auch den Blick auf Göttweig und mittels dreieckiger Fensteröffnung auf die Altstadt von Stein ermöglichen, vor allem aber mit einem Pavillon von Dan Graham auch Teil des Museums sein. Eine mutige Haltung, bedenkt man etwa, dass im Wiener Museumsquartier nun mit der dem Leopold-Museum aufgesetzten "MQ-Libelle" nachträglich dem Bedürfnis der Besucher nach spektakulären Aus- und Rundblicken Rechnung getragen wird. "Mir wäre nicht wohl, wenn unsere Terrasse losgelöst vom Museum als Aussichtsturm betrachtet würde", sagt Christian Bauer.

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Der künstlerische Direktor Christian Bauer

Auch die künftigen Ausstellungen sollen - ergänzend zur prononciert internationalen Ausrichtung der Kunsthalle Krems - stets einen Bezug zur Region bieten. Auf 3.000 Quadratmetern und fünf Ebenen werden künftig Werke der Landessammlungen Niederösterreich mit Leihgaben zu wechselnden Themen in Dialog treten. Das "Grand Opening" am 25. Mai, bei der gleich fünf Ausstellungen eröffnet werden, wird auch eine erste Antwort auf eine Frage bringen, die weder beim Baustellenbesuch zum Jahreswechsel, noch bei dem ausschließlich die Architektur präsentierenden "Pre Opening" im März beantwortet werden kann: Wie wird sich das Gebäude im Ausstellungsbetrieb bewähren?

Eines sei immer klar gewesen, sagt Bauer: Ein außen derartig markantes Gebäude dürfe die geweckten Erwartungshaltungen im Inneren nicht enttäuschen. "Wir haben traumhafte Räume mit einer unkonventionellen Eigenschaft: schiefe Wände." Aus der Not soll durch eine spezielle Ausstellungsarchitektur des deutschen Büros HG Merz eine Tugend werden, die die Charakteristika der Räume nicht verleugnet. "Wir haben vom Kunsthaus Graz gelernt", versichert der Direktor.

In den abgesehen vom Stiegenhaus- und dem Liftturm gänzlich stützenfreien Ausstellungsräumen werde ein Parcours gelegt, "bei dem eins zum anderen führt. Der Besucher soll selbst seinen Weg finden, bei dem es kein richtig und kein falsch gibt. Wir stellen die Freiheit des Besuchers ins Zentrum. Deswegen werden wir auch keine Chronologie bedienen. Unsere Ausstellungen behandeln Themen, die uns heute betreffen. Wir suchen Antworten auf die Welt der Gegenwart."

Diese Suche beginnt mit Ausstellungen, die sich mit Selbstdarstellungen und Sehnsuchtsräumen ebenso beschäftigen, wie mit den Künstlern Renate Bertlmann und Heinz Cibulka sowie mit dem Kunstsammler Franz Hauer. Eines ist dabei fix: Der 25. Mai darf bereits jetzt als der wichtigste Termin im heimischen Kunstjahr gelten.