Zeitgeschichte: Gehängt im Herzen von Krems. Historiker Robert Streibel erzählt in seinem neuen Buch über die Hinrichtung von NS-Deserteuren auf dem Südtirolerplatz in Krems.

Von Franz Aschauer. Erstellt am 15. April 2021 (02:48)
Vor dem 75. Jahrestag der Hinrichtungen auf dem Südtirolerplatz legte Robert Streibel Kränze vor den Gräbern der Erhängten auf dem Soldatenfriedhof in Oberwölbling nieder.
Franz Aschauer, Franz Aschauer

„Eine Stadt (er)trägt Geschichte“, unter diesem Titel erscheint im Herbst 2021 ein Buch von Robert Streibel, in dem der Historiker auch bis dato unbekannte Geschichten über die nationalsozialistische Vergangenheit von Krems erzählt.

Eine davon ist die der drei Wehrmachtssoldaten Anton Kilian, Viktor Zelenka und Franz Schweiger, die am 21. April 1945 auf dem Südtirolerplatz, im Herzen von Krems, gehängt wurden. Nur vier Tage zuvor war das Trio und die rund 40 Mann starke Einheit, mit der es unterwegs war, von einem Volkssturmaufgebot in Raxendorf (Bezirk Melk) aufgegriffen und danach in die Strafanstalt Stein gebracht worden.

Leichen tagelang zur Schau gestellt

Kilian, Zelenka und Schweiger waren im Kriegsgefangenenlager STALAG XVII in Gneixendorf stationiert, wie Streibel recherchiert hat. Während der Wirren der letzten Kriegsmonate wollten sie anscheinend desertieren. Darauf weist ein Zettel hin, der den tagelang zur Schau gestellten Leichen auf dem Südtirolerplatz beigefügt war. Demnach sollen die Wehrmachtsangehörigen „aus Angst, eingesetzt zu werden, abmarschiert“ sein: „Sie wollten solange warten, bis die Russen kämen, um sich dann den Partisanen anzuschließen und gegen unsere Truppen zu kämpfen. Zivilkleider und rote Fahnen hatten sie bei sich“, zitiert Streibel die Abschreckungsbotschaft in seinem Buch.

Schulklassen sollen Soldatenfriedhof sehen

Wichtig sind dem Historiker in seiner neuen Veröffentlichung wie schon bei seinen literarischen Werken in der Vergangenheit die persönlichen Hintergründe von Opfern und Tätern. Umfassende Recherchen haben den 62-Jährigen sogar zum Ort der letzten Ruhestätte von zumindest zwei der drei Gehängten vom Südtirolerplatz geführt. Kilian und Schweiger sind am Soldatenfriedhof in Oberwölbling (Bezirk St. Pölten-Land) begraben, wo insgesamt über 4.000 Gefallene des Zweiten Weltkrieges aus 362 niederösterreichischen Gemeinden beigesetzt sind. Vor dem 75. Jahrestag der Hängung auf dem Südtirolerplatz legte Streibel Kränze mit der Aufschrift „Hingerichtet als Widerstandskämpfer“ vor den Grabsteinen nieder.

Für die Zukunft wünscht sich Streibel, dass Besuche auf dem Soldatenfriedhof Oberwölbling ein fixer Bestandteil in den Exkursionsplänen der Schulen in der Region werden – und dass dann auch Geschichten wie jene von Kilian, Zelenka und Schweiger erzählt werden.