Der Baum als Beschützer: Kittenberger im Gespräch. Erlebnisgärtner Reinhard Kittenberger über natürliche Kühlung, grüne Städte und die Landesgalerie.

Von Franz Aschauer. Erstellt am 13. August 2019 (04:47)
Johann Lechner
Reinhard Kittenberger gewährte der NÖN einen Einblick in sein neues Reich. Das Haus besteht aus Holz und Stroh, auf dem Dach wächst Mauerpfeffer, der durch seine Wasserspeicherkapazität zur Kühlung von oben dient. Ohne technische Hilfsmittel ist es im Sommer im Haus des Gartenprofis jetzt zehn Grad kühler als draußen.

Holz, so weit das Auge reicht, schattenspendende Bäume und ein grünlich schimmernder Naturschwimmteich – Reinhard Kittenberger hat sich in wenigen Monaten sein ganz persönliches Traumhaus geschaffen. Das neue Reich des Schilterner Erlebnisgärtners ist aber nicht nur optisch ein echter Hingucker. In seinem Haus und dem Garten stecken das ganze Fachwissen des Gestaltungsprofis.

„Auf die Ökologie wurde nicht geschaut. Die Landesgalerie trägt dazu bei, dass es in der Stadt um zwei Grad wärmer wird.“Reinhard Kittenberger

Langanhaltende Hitzeperioden und extreme Trockenheit – der fortschreitenden Klimakrise tritt der 57-Jährige mit einer Fülle an natürlichen Hilfsmitteln entgegen, die den Sommer in den eigenen vier Wänden deutlich angenehmer machen. „Ein Schattenbaum ist zehn Mal besser als eine Klimaanlage“, sagt Kittenberger. Auch wenn er nur vier davon – zwei Zigarrenbäume und zwei Säulenhainbuchen – südseitig gepflanzt hat: sie tragen einen großen Teil zu kühleren Innenräumen bei. „Wenn es draußen 36 Grad hat, habe ich drinnen um genau zehn Grad weniger. Und das, ohne nur einen Cent in technische Hilfsmittel investiert zu haben.“

Zwar habe er viel Geld in eine „gute Isolation“ investiert, erzählt Kittenberger, das Haus habe insgesamt aber nicht mehr gekostet als ein gewöhnliches Haus. „Heute baut niemand mehr billig. Das Problem dabei ist, dass die Häuser von außen bis innen giftig sind. Wenn sie abgerissen werden, bleibt ein Berg voll Sondermüll“, kritisiert Kittenberger.

Das Haus des Gartenprofis besteht aus Salzburger Lärche, Fichte und Stroh. Der Fußboden ist aus Eschenholz. Die Fenster sind nicht mit PU-Schaum, sondern mit Hanfschnüren isoliert. Der eigentliche „Star“ ist aber das Dach. Auf 350 Quadratmetern liegt eine Recycling-Substratschicht, die aus zwei Dritteln Ziegelsplitt und einem Drittel Kompost besteht. Darauf hat Kittenberger Bahnen mit Scharfem Mauerpfeffer aufgebracht. „Seine Blätter speichern Wasser extrem gut. Jetzt, wo es so wenig regnet, rinnt bei uns kein Wasser über die Dachrinne ab. Alles bleibt in den Pflanzen. Die Verdunstung bringt für das Haus einen kühlenden Effekt“, erklärt Kittenberger.

350 Großpflanzen und 4.500 Stauden stehen in Kittenbergers Garten. Dass Bäume „von den Leuten als Dreckmacher gesehen“ werden, versteht der 57-Jährige nicht. „Sie sind vielmehr Beschützer und wertvolle Schattenspender.“

Wienertor Center als Begrünungs-Vorbild

Im Bewusstsein der Menschen sei das noch viel zu wenig verankert. Und das, obwohl der Zeitpunkt jetzt ein ganz wichtiger sei. Einige Bauherren hätten das bereits erkannt. Als positives Beispiel sieht Kittenberger das Wienertor Center, dessen Bau bald abgeschlossen ist. „Jede Dachterrasse ist mit einer Begrünung versehen.“

Wichtig wäre es für alle Projekte dieser Größenordnung, rundherum Flächen frei zu lassen, um von unten herauf zu begrünen. „Krems ist eine Stadt, die hier Vorbildwirkung einnehmen könnte. Dank der Donau wäre ja genug Wasser vorhanden“, sagt Kittenberger. München ist für ihn aktuell der Begrünungs-Vorreiter.

Archiv/Martin Kalchhauser
„Zur Ökologie trägt dieses Projekt nichts bei.“ Reinhard Kittenberger ist kein Freund der Landesgalerie.

Deutlich mehr Schwarz und Grau als Grün gibt es bei der Kremser Landesgalerie zu sehen. Ein Projekt, das Kittenberger kritisch betrachtet. „Hier stand die Architektur im Vordergrund. Auf die Ökologie und die Klimasituation wurde nicht geschaut. Der Energieaufwand, den es braucht, um die Innenräume zu kühlen, ist enorm. Die Fassaden heizen sich wahnsinnig auf. Die Menschen, die rundherum gehen, spüren das. Da hat es nicht 30, sondern 40 bis 50 Grad!“

Zwölf Bäume wurden rund um die Landesgalerie gepflanzt. Für Kittenberger ist das viel zu wenig. „Zur Ökologie trägt dieses Projekt nichts bei. Es trägt dazu bei, dass es in der Stadt um zwei Grad wärmer wird.“