Justizanstalt Stein: Hilfeschrei aus dem „Felsen“. Nach Vorfall mit zwei verletzten Beamten schlägt Personalvertreter Harald Gerstl Alarm. Auch Stein-Chef Christian Timm wünscht sich mehr Personal.

Von Franz Aschauer und Martin Kalchhauser. Erstellt am 21. Oktober 2020 (05:58)
In der Strafvollzugsanstalt Stein, Österreichs größtem Gefängnis, gärt es: Die Justizwachebeamten wehren sich dagegen, für immer mehr psychisch auffällige Häftlinge und eine zunehmende Anzahl von Insassen im Maßnahmenvollzug mit unveränderten personellen Ressourcen sorgen zu müssen.
Archivfoto: Johann Lechner

Es ist ein Hilferuf, mit dem sich Harald Gerstl, oberster Personalverteter in der Justizanstalt Stein, meldet: „Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass die gefährlichen Insassen immer mehr werden. Dieser Vorfall ist kein Einzelfall. Wir haben die Mittel nicht, solche Leute bedarfsgemäß zu betreuen.“

Mit rund 800 Strafgefangenen ist die Justizanstalt Stein das größte Gefängnis Österreichs. „Seit Jahren weisen wir auf die Zunahme der Gefährlichkeit unserer Insassen hin, die uns auch in körperliche Gefahr bringt“, betont der Personalvertretungs-Vorsitzende Harald Gerstl.
Archivfoto: Johann Lechner

Ein bereits österreichweit bekannter Häftling aus Tunesien, der bereits wegen einschlägiger Vorfälle in der JA Suben nach Stein, in den sogenannten „Felsen“, verlegt worden war, hatte am 17. 10. einen Justizwachebeamten durch einen Kopfstoß außer Gefecht gesetzt (dieser war wegen einer schweren Gehirnerschütterung bewusstlos), einen anderen am Knöchel verletzt.

Personalverteter Harald Gerstl: „Gefährliche Situationen sind keine Einzelfälle.“
Foto: privat

Gerstl führt die Fehlentwicklung auf Reformen der 1970er-Jahre zurück, durch die immer mehr geistig abnorme Rechtsbrecher im sogenannten Maßnahmenvollzug in „normalen“ Gefängnissen landen.

„Wir bräuchten entweder zweimal Göllersdorf (Sonderhaftanstalt, Anm.) oder mehr Betten in der Psychiatrie. Diese Entwicklung bringt uns in Gefahr. Das kann man nur politisch ändern“, so Gerstl. 

Hoffnung hat er wenig – wegen „Hochnäsigkeit und/oder Unvermögen unserer Theoretiker im Ministerium“.

Eine „Zunahme von Leuten, die keine Perspektive haben“, konstatiert Stein-Chef Christian Timm. „Es gibt eine Verschiebung von Menschen mit schweren psychischen Auffälligkeiten von Kliniken zu uns. Aber Gefängnisse sind keine Kliniken!“

Anstaltsleiter Christian Timm: „Gefängnisse wie Stein sind keine Kliniken!“
Foto: Martin Kalchhauser

Der konkrete Vorfall habe zwar nicht direkt mit Personalmangel zu tun, generell gelte aber: „Um die Qualitätsansprüche, die im Strafvollzug an uns gestellt werden, zu erfüllen, bräuchten wir deutlich mehr Personal.“

Seitens des Justizministeriums heißt es zum jüngsten Vorfall, dass der Maßnahmenvollzug nicht betroffen gewesen sei: „Aufgrund der bisher vorliegenden Informationen wäre der Übergriff auf die Justizwachebeamten durch mehr Personal oder andere Maßnahmen nicht zu verhindern gewesen.“