Mariazellerbahn – 110 Jahre Revolution im Reiseverkehr

Pioniergeist und elektronischer Antrieb sind das Rezept für die Erfolgsgeschichte einer Bahn, die trotzdem nie großspurig wurde.

Erstellt am 14. Oktober 2021 | 05:08
Mariazellerbahn 110 Jahre Revolution im Reiseverkehr
Die Elektro-Lokomotiven waren zwischen 1911 und 2013 verlässlich im Dienst und sorgten für bis dato unbekannten Komfort. Foto: Niederösterreich Bahnen
Foto: Niederösterreich Bahnen

Elektromobilität gilt als mögliche Lösung für die Klimaproblematik unserer Zeit. Bei der Mariazellerbahn konnte der Elektro-Antrieb bereits vor 110 Jahren durch eine wahre Pioniertat realisiert werden. Obwohl die Bahn zwischenzeitlich am Abstellgleis und fast vor dem Aus stand, gilt sie seither als Verkehrsschlagader des Pielachtales und als wahrer Tourismusmagnet.

Mariazellerbahn 110 Jahre Revolution im Reiseverkehr
Das Kraftwerk Wienerbruck war der Motor, der die Bahn elektrifizierte und die Industrialisierung ins Pielachtal brachte.  Foto: Kalteis
Kalteis

„Ab Oktober 1911 stand die Trasse zwischen St. Pölten und Mariazell unter Strom und revolutionierte den Reiseverkehr im selben Jahr, als der Dampfriese ‚Titanic‘ gerade vom Stapel lief“, erklärt Mh6-Bahn-klubobmann Erich Dürnecker.

Damit wurden die Dampfloks, die die Industrialisierung schnaubend vorantrieben, in Pension geschickt und die Fahrtgeschwindigkeit von 30 auf knapp 50 km/h erhöht.

„Der E-Antrieb war für die Fahrgäste eine völlig neue Erfahrung. Kein Rauch oder Ruß behinderten mehr den Blick auf das Bergpanorama. Dafür sorgten elektrisches Licht und moderne, gefederte Waggons für bis dato unbekannten Reisekomfort“, sagt Dürnecker, der selbst als Dampf- und Elektrolokführer tätig war.

Es war aber auch günstiger und wesentlich umweltfreundlicher, da eine Fahrt nach Mariazell und retour circa zwei Tonnen Steinkohle verschlang.
Doch auch vor der Elektrifizierung war die Landesbahn ein voller Erfolg. Bereits ab 1898 fauchten die Schlote der Dampflokomotiven zwischen St. Pölten und Kirchberg, ehe 1907 auch die enorm anspruchsvolle Bergstrecke bis Mariazell fertiggestellt wurde.

Großer Fortschritt durch eine schmale Bahn

Mit der Anbindung an die Westbahn erhielt das zuvor abgeschiedene Tal ein Tor zur Welt und profitierte enorm vom wirtschaftlichen Aufschwung. Um die Strecke sanft in die Landschaft einzubetten und die steilen Hänge zu überwinden, entschied sich Bahndirektor und Ingenieur Josef Fogowitz für eine Schmalspurtrasse.

Von Kritikern anfangs oft belächelt wurde allerdings schnell klar, dass auch eine Schmalspurbahn genügend Güter und Personen transportieren konnte. „Trotzdem wurde die 90 Kilometer lange Bahn zum Gnadenort nach Mariazell von Pilgern und Touristen derart überrannt, dass nur die Umstellung auf elektrischen Antrieb mit dem noch neuen Wechselstrom eine Überlastung oder einen weiteren Schienenausbau verhindern konnte“, schildert Erich Dürnecker.

Möglich wurde diese technische Neuerung durch die Errichtung des Kraftwerkes in Wienerbruck, das innerhalb kürzester Zeit unter schwierigsten Bedingungen in den Ötschergräben errichtet wurde und den Grundstein der heutigen EVN bildet. Die wasserbetriebenen Turbinen lieferten ausreichend Strom, um sowohl die Bahn als auch umliegende Gemeinden und St. Pöltner Industriebetriebe mit Energie zu versorgen und damit in ein neues Zeitalter zu katapultieren.

Die nach der Jahrhundertwende gebauten E-Loks waren bis zur Ablöse durch die Himmelstreppe im Jahre 2013 im Einsatz und damit die weltweit am längsten dienenden Lokomotiven im Planbetrieb.

„Ich war mit meiner E-Lok so verwachsen, dass ich an kleinsten Geräuschen Schäden erkennen konnte.“Erich Dürnecker, Mh6-Bahnklubobmann 

„Ich war mit meiner E-Lok so verwachsen, dass ich an kleinsten Geräuschen Schäden erkennen konnte“, schwärmt Dürnecker stolz von seiner „goldenen 2er“, die nun als besonderes Stück Zeitgeschichte sogar ins technische Museum nach Wien kommen soll.

Nach zwei überstandenen Weltkriegen geriet die Bahn zunehmend aufs Abstellgleis. Die Fahrgäste und Pilger wurden weniger, während der Individualverkehr auf den Straßen enorm stieg. Bald darauf wurde der Güterverkehr eingestellt und kaum mehr in die Bahn investiert, weshalb Verspätungen eher die Regel als eine Ausnahme waren. Nachdem die ÖBB die Strecke nicht länger betreiben wollten, drohte das Aus.

„Das war eine sehr emotionale Zeit, denn wir Pielachtaler wollten unsere Bahn unbedingt erhalten. Umso enttäuschender war das Gespräch aller Bürgermeister mit dem ÖBB-Vorstand, bei dem wir zu hören bekamen, dass die Einstellung kurz bevorstünde“, schildert der Kirchberger Alt-Bürgermeister Anton Gonaus die bangen Stunden.

Erst durch das tatkräftige Auftreten der lokalen Bevölkerung konnte die Bahn mithilfe des Landes in einem Kraftakt erhalten werden. Somit gelangte die Kultbahn nach der Übernahme 1922 durch die Bundesbahnen nach 88 Jahren wiederum in Landesbesitz.

Um Aufmerksamkeit für den Erhalt der Bahn zu bekommen ließen sich die Pielachtaler allerhand Kreatives einfallen. Zum Beispiel wurde der Nostalgiezug von verkleideten Banditen auf Pferden in alter Wild-West-Manier überfallen.

Heute steht die Himmelstreppe für entschleunigten, sanften Tourismus und zieht sowohl wieder Pendler als auch Pilger und Eisenbahnromantiker aus aller Welt an.