Strukturreform 1972: Bezirk Lilienfeld blieb verschont. Im Bezirk Lilienfeld wurden keine Gemeinden zusammengelegt, anders war dies im Mariazellerland.

Von Teresa Lobinger. Erstellt am 21. April 2021 (04:00)
Die ehemaligen Gemeinden des Mariazellerlandes – Mariazell, Gußwerk, Halltal und St. Sebastian – wurden 2015 zur Stadtgemeinde Mariazell zusammengelegt, die damit auf 414 Quadratkilometer angewachsen ist.
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Vor 50 Jahren wurden in großen Teilen Niederösterreichs zahlreiche Ortschaften zusammengelegt. 1972 sollten damit vernünftige Gemeindeverwaltungen und Strukturen entstehen, aber auch Einsparungen erreicht werden.

Vielerorts sorgte das für Protest und ging gar nicht so reibungslos über die Bühne: Bürgermeister und Zeitzeugen erinnern sich in diesem Zusammenhang an skurrile Ereignisse und Anekdoten; manchmal wurde noch schnell etwas gebaut oder asphaltiert, dann jedoch nicht bezahlt. Jede Gemeinde sah sich als besonders, jede Ortschaft hatte ihren Stolz. Ein politisches Theater im ganzen Land, nur nicht im Bezirk Lilienfeld. NÖN-Recherchen bestätigen, dass es damals keine Gemeindezusammenlegungen gegeben hat. Ein Thema, für das niemand so recht eine Erklärung hat. Schmunzelnd stellt St. Veits Bürgermeister Johann Gastegger dazu fest: „Wahrscheinlich, weil es bei uns nur starke Bürgermeister gegeben hat und gibt.“

Die Steiermark hat 2015 dann das gemacht, was Niederösterreich rund 40 Jahre zuvor erledigt hat – und so sah sich, vor noch nicht allzu langer Zeit, Mariazell mit Verwaltungsreformplänen konfrontiert. Bürgermeister Walter Schweighofer meint: „Aus heutiger Sicht war es sicherlich die richtige Entscheidung, im Jahr 2015 gab es allerdings große Diskussionen. Zu wenig Transparenz in den Verhandlungen, politischer Druck und falsche Versprechen haben eine starke Ablehnung in der Bevölkerung hervorgerufen.“ Das Gefühl des „Drüberfahrens“ habe sich zum Teil bis heute gehalten.

„Aus heutiger Sicht war es sicherlich die richtige Entscheidung, im Jahr 2015 gab es allerdings große Diskussionen."

Mariazells Bürgermeister Walter Schweighofer.
ÖVP Mariazellerland/J.Kuss, ÖVP Mariazellerland/J.Kuss

Mariazell, das „neue“ Mariazell, ist durch die Strukturreform flächenmäßig fast so groß wie Wien, die österreichische Bundeshauptstadt, geworden. Zwar ist Mariazell einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Österreichs, dennoch sah man die Region im nördlichsten Teil des steirischen Bezirks Bruck-Mürzzuschlag mit einer negativen Bevölkerungsprognose, Abwanderung, belastet. Mariazell, Gußwerk, Halltal und St. Sebastian schlossen sich zusammen. Dadurch ist eine Gemeindefläche von 414 Quadratkilometern entstanden, mit rund 3.700 Einwohnern – im Gegensatz zu Wien mit aufgerundet zwei Millionen Einwohnern.

Walter Schweighofer, 2015 noch nicht Bürgermeister, sieht heute Chancen, gleichwohl dennoch Schwierigkeiten: „Als flächenmäßig drittgrößte Gemeinde Österreichs und nun mit einer zentralen Verwaltung ergeben sich natürlich auch Vorteile, beispielsweise bei Bauhöfen, Schulen und Kindergärten. Die Erhaltung und Erweiterung der Infrastruktur ist aufgrund der Größe aber die Herausforderung schlecht hin, ich sehe hier kein Einsparungspotenzial.“

Trennung von Annaberg und Mitterbach

Aus touristischer Sicht würden sich positive Gelegenheiten ergeben, da eine Kleinregion mit hoher Vielfalt besser zu vermarkten sei: „Die große Kunst wird es sein, den Bewohnern in den entlegenen Ortsteilen das Gefühl zu vermitteln, dass sie dazugehören und keine Nachteile zu spüren bekommen. Nicht zu vergessen, die zahlreichen Zweitwohnsitzer, die zum Teil noch entlegener wohnen und ebenfalls versorgt gehören.“ Im Großen und Ganzen war es die richtige Entscheidung, so Schweighofer, „aber es wird noch lange dauern, bis es die Bevölkerung verinnerlicht hat.“ Kein Problem haben da wohl die Annaberger und Mitterbacher. Während im Bezirk Lilienfeld keine Gemeindefusionen stattfanden, kam es zur Trennung von Annaberg und Mitterbach – allerdings schon 1904, also vor 117 Jahren.

Ab 1848 traten neue Grundentlastungsgesetzte in Kraft, ehemals adelige oder geistliche Grundherrschaften wurden aufgehoben. Im Bezirk betraf dies das Stift Lilienfeld, das öffentliche Verwaltungsfunktionen verlor. Bauern und Kleinhäusler konnten so Gründe als Eigentum erwerben; hier übernahmen staatlich geführte Bezirksgerichte und Steuerämter. Ein Jahr später erfolgte mit dem „provisorischen Gemeindegesetz“ die Festlegung der neuen Ortsgemeinden als unterste Verwaltungseinheit. Annaberg wurde so 1850 zur selbstständigen Gemeinde, die Katastralgemeinden Josefsrotte und Mitterbach-Seerotte bekamen einen Gemeindevertreter zu gesprochen.

Die Mitterbacher Bevölkerung äußerte doch bald den Wunsch nach politischer Eigenständigkeit – wegen der großen Entfernung und der schwierigen Verwaltung. Aus denselben Gründen begann man viele Jahre später, Gemeinden wieder zusammen zu legen. Mehr zur Geschichte der Trennung von Annaberg und Mitterbach, dessen ersten Gemeinderat und dem kleinen Streit um das Bahnhofhäuschen auf den Seiten 4/5.

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