Lilienfeld

Erstellt am 22. Januar 2019, 05:23

von Nadja Straubinger, Thomas Werth und Mario Kern

Häusliche Gewalt: Nicht häufiger, aber brutaler. Vier Frauenmorde in 14 Tagen erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Symbolbild

Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, das die vier Morde – drei davon in Niederösterreich – gemeinsam haben. Ist das nur eine aktuelle Häufung von Gewaltexzessen oder ein Zeichen für eine Gesellschaft, die immer gewalttätiger wird?

Besorgniserregend findet die neue Leiterin des St. Pöltner Frauenhauses, Olinda Albertoni, die Situation: „Das Haus der Frau St. Pölten betreut vermehrt hochgefährdete Frauen – manche von ihnen sind mehrfach betroffen, wurden misshandelt, werden weiterhin bedroht oder gestalkt.“ Derzeit leben 14 Frauen im Frauenhaus, einige mit ihren Kindern. Extreme Ereignisse verzeichnete im Vorjahr auch das Kinderschutzzentrum Möwe. Mit gleich drei Fällen, bei denen Familienangehörige lebensbedrohliche Gewalt erleiden mussten, war das Team konfrontiert. Darunter war ein zu Tode geschütteltes Baby. „Das ist für uns eine neue Problemstellung, da wir bislang nicht mit Todesfällen konfrontiert wurden“, erläutert Leiterin Irene Kautsch. Trend könne man daraus aber keinen ableiten, glaubt sie.

Sprachlosigkeit führt zu Gewalt

Die geschlechtsspezifische Gewalt gründet für die Leiterin des Gewaltschutzzentrums NÖ, Michaela Egger, in einem hierarchischen Geschlechterverhältnis. „Von dem ist unsere Gesellschaft nach wie vor geprägt – nicht erst durch den Zustrom von Menschen aus anderen Ländern“, so Egger. Ihr Team betreute im Vorjahr insgesamt 365 Personen aus Stadt und Bezirk. Ob die Gesellschaft generell gewalttätiger werde, könne nicht so einfach beantwortet werden, jedenfalls verändere sie sich, meint Egger: „Durch die neuen Kommunikationsformen wird die Gesellschaft ,sprachlos‘.“ Gemeint ist damit, dass Auseinandersetzungen oft nicht mehr verbal ausgetragen werden, sondern per SMS oder WhatsApp. Emotionen würden allerdings bei geschriebenen Worten nicht so direkt gespürt werden. „Männer drücken ihre Sprachlosigkeit dann eher durch körperliche Gewalt aus.“

Eine noch „junge“ Entwicklung beobachten die Helfer des St. Pöltner Familien- und Beratungszentrums des Hilfswerks: Auch Kinder und Jugendliche attackieren Frauen, also ihre Mütter. „Die Aggression nimmt in diesem Bereich merklich zu“, berichtet Bereichsleiterin Elke Fuchs. Den Grund sieht sie in der Überforderung von Eltern in der Erziehung. „Viele Kinder lernen nicht, mit ihren sozialen und emotionalen Befindlichkeiten umzugehen.“

Betretungsverbote annähernd gleich geblieben

Keinen gravierenden Anstieg der Gewalt, jedoch eine generell gestiegene Aggressivität sieht die Vizepräsidentin des Landesgerichts St. Pölten, Andrea Humer. „Die Hemmschwelle ist nicht mehr da. Heutzutage wird auf jemanden, der am Boden liegt, einfach noch weiter eingetreten.“ Wie Egger ist Humer der Ansicht, dass eine verbale Diskussion heutzutage fehle. Das sei auch in Beziehungen zu beobachten.

Eine Zunahme von Gewaltfällen kann auch Anwalt Josef Gallauner nicht beobachten, jedoch nehme die Schwere bei Verletzungsdelikten merklich zu. Dass sich die größeren Sachen eher auf Städte konzentrieren, betont der Lilienfelder Rechtsanwalt Alfred Schneider. Am Land komme es eher zu Körperverletzungen und Sachbeschädigung, weil, so Schneider: „Die Fäuste sitzen oft locker.“ Die Zahl der Betretungsverbote ist in den vergangenen Jahren annähernd gleich geblieben. 2018 sprach die Polizei in Stadt und Bezirk St. Pölten 203 Verbote aus, in Lilienfeld 34. Den Ruf nach schärferen Konsequenzen sieht Gallauner differenziert. „Man muss sich anschauen, wie viele Verfahren eingestellt werden und was die Gründe dafür sind. Wenn Familienangehörige von ihrem Entschlagungsrecht Gebrauch machen, ist ein Freispruch logische Konsequenz.“

Wichtig sei, Frauen zu bestärken, sich schon bei ersten Anzeichen Hilfe zu holen, meint Kautsch von der Möwe. Im Akutfall gibt es immer Platz im Frauenhaus. Bei Auslastung wird zwar an andere Frauenhäuser in NÖ vermittelt, aber: „Bei Bedarf können wir Notplätze einrichten. Hoch gefährdete Frauen und Kinder bekommen immer unmittelbaren Schutz“, so Frauenhaus-Leiterin Albertoni.

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