Teuerungen im Alltag: Allein Hainfelds "Tafel" zählt 40 Klienten mehr

Aktualisiert am 17. Mai 2022 | 20:03
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Pandemie, Krieg und Teuerung sind ein Mix, der Team Österreich Tafel (TÖT) und Caritas „neue Kundschaft“ bringt, auch aus anderen Gesellschaftsschichten.

„Bei persönlichen Gesprächen zwischen Klienten und unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern werden vor allem die sehr hohen Preise im Lebensmittelbereich und insbesondere am Energiemarkt, also etwa Strom, beklagt, wo unverhältnismäßig hohe Teuerungsraten leider derzeit an der Tagesordnung stehen“, beschreibt Gerald Wöchtl, Hainfelds Bezirksstellengeschäftsführer die Situation bei der Team Österreich Tafel (TÖT) des Roten Kreuzes.

„Um den damit verbundenen erhöhten Lebensmittelbedarf zu sichern, arrangierte unsere Teamleiterin Brigitta Holubar unter so mancher logistischer Herausforderung.“ Gerald Wöchtl

Im Rahmen der TÖT an der Rotkreuz-Bezirksstelle Hainfeld seien – unabhängig der aus Syrien und nun auch Ukraine geflüchteten Klienten – nach Einschätzung der Mitarbeiter Senioren am stärksten betroffen.

Nicht zuletzt aufgrund der Konflikte in der Ukraine versorgt die Bezirksstelle Hainfeld derzeit rund 40 Personen mehr als bisher: „Um den damit verbundenen erhöhten Lebensmittelbedarf zu sichern, arrangierte unsere Teamleiterin Brigitta Holubar unter so mancher logistischer Herausforderung auch unter der Woche mehrmals mit ihrem Team die Abholungen aus den Supermärkten“, so Wöchtl.

Und das Team rund um Brigitta Holubar bedankt sich an dieser Stelle für die gute Zusammenarbeit mit all den Lieferanten, „die hier die Not sofort erkannt haben und uns eifrig unterstützen“.

Wie nahe einem die Schicksale kommen

Selbstverständlich kriege man die finanzielle Not und damit verbundene Armut an vorderster Front mit, wenn man mit Klienten tagtäglich arbeite. Der Bezirksstellengeschäftsführer betont aber: „Unsere Organisation legt auch hier großen Wert auf eine adäquate Ausbildung aller Mitarbeitergruppen, wo unter anderem auch geschult wird, wie man sich professionell von erlebten Schicksalen distanzieren kann.“

Denn: „Das Rote Kreuz muss trotz aller Tragik und vollstem Verständnis handlungsfähig bleiben, um weiterhin in der Lage zu sein, die Not zu lindern“, so Gerald Wöchtl.

„Hemmschwelle“ ist am Land größer

Die Not zu lindern – das ist nun ebenso in der sogenannten Mittelschicht angekommen. Beate Schneider, Leiterin der Sozialberatung St. Pölten, sieht einen eindeutigen Trend. „So etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich kann zum ersten Mal nicht sagen, wo es hingehen wird. Wir haben viele Kunden, die vorher noch nie bei der Caritas angedockt sind.“

Während Covid sei es nicht so schlimm gewesen, da gab es viele Unterstützungen. Jetzt kommen mehrere Faktoren zusammen: „Die Schulden steigen, viele können Mieten nicht zahlen. Erst wenn die Energierechnungen kommen, können wir die Situation richtig evaluieren.“ Und: „Die Probleme gehen immer mehr in die Mittelschicht. Denn ich kann mein ganzes Leben alles richtig machen und dann kommt ein Krieg oder eine Pandemie und alles ist weg“, weiß Beate Schneider.

Die Angst vor der Energierechnung beschreibt auch ein 40-jähriger Familienvater aus dem Bezirk St. Pölten, der eigentlich ordentlich verdient, wie er selbst sagt: „Ich habe acht Kinder und verdiene nicht schlecht, aber die Preise gehen rasant nach oben – ohne Ende in Sicht. Für einen Wocheneinkauf habe ich früher 110 Euro ausgegeben, jetzt sind wir auf 160. Vor allem beim Autofahren merke ich die extremen Steigerungen. Für eine Fahrt nach Wien zahle ich jetzt 50 Euro nur Tank, statt wie sonst 30. Eigentlich haben wir in der warmen Jahreszeit oft Eis gegessen. Jetzt überlege ich mir das zweimal.“

Das müsse man natürlich den Kindern erklären. „Wir reden mit ihnen über die Situation. Aber nicht, um ihnen Angst zu machen, sondern damit sie lernen, dass Rückschläge dazu gehören. Momentan ist die Angst vor der Strom- und Gasrechnung da. Wir als Bürger und Bürgerinnen müssen irgendwann sagen, es ist Schluss. Politik und Wirtschaft sind jetzt gefragt.“

Bei der einzigen Tafel im Bezirk St. Pölten, im Rotkreuz-Haus in Kirchberg an der Pielach, steht das ehrenamtliche Team rund um Susanne Sunk und Anita Riegler an vorderster Front, ebenso wie Karin Ramel. Bei ihnen sei das Klientel bunt gemischt: Geflüchtete, Menschen in der Pension, Familien. Aber: „Leider ist die Hemmschwelle bei uns am Land sehr hoch, herzukommen“, bedauern sie. Derweil sei es ganz normal und wichtig, sich Hilfe und Unterstützung zu holen.

„Wenn dann einmal der erste Schritt getan ist, ist es kein Problem mehr“, ergänzt Karin Ramel. Viele Personen würden außerdem über eine gewisse Zeitspanne nicht kommen und dann wieder Unterstützung benötigen. Oft hilft der Gedanke, Lebensmittel zu retten. Mit dieser Idee im Hinterkopf sei es für viele leichter, die Tafel zu nutzen, meinen die engagierten Damen.

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