Melk

Erstellt am 22. Januar 2019, 04:56

von Tanja Horaczek-Gasnarek

Häusliche Gewalt: Falsche Scham lähmt die Opfer. Vier Frauenmorde binnen einer Woche erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Symbolbild  |  Shutterstock.com, pingdao

Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, das die vier Morde – vier davon wurden in Niederösterreich verübt – gemeinsam haben.

Wird das Thema Gewalt in der Familie einfach bagatellisiert? Werden Streitereien im Paarbereich unter dem Deckmantel „Beziehungstat“ geschützt? Die eigenen vier Wände sollten einem Schutz und Sicherheit bieten. Doch meistens verbirgt sich hinter geschlossenen Türen ein trauriges Geheimnis, welches oft erst mit dem Einschreiten der Exekutive gelüftet wird.

„Es gibt immer eine Vorgeschichte. Taten im Affekt sind selten.“Opferanwältin Elisabeth Januschkowetz

So wie beim Fall einer Loosdorferin: Der Ex-Partner lauerte ihr vehement auf und drohte ihr, sie mit einem Schwert zu enthaupten, wenn sie ihm den gemeinsamen Sohn nicht aushändigt. Wie in den meisten Fällen war auch dieser Täter schon öfter auffällig geworden. Dass es sich bei häuslicher Gewalt um eine Wiederholungstat handelt, bestätigt auch die Melker Opferanwältin Elisabeth Januschkowetz:

„Es gibt immer eine Vorgeschichte. Taten im Affekt sind selten.“ Auf verbale Attacken folgen meist handgreifliche. „Aus falscher Scham gehen die Frauen nicht beim ersten Übergriff zur Polizei. Denn nach einer Auseinandersetzung folgt die ‚Honeymoon-Phase‘, wo wieder alles rosig scheint“, erklärt die Expertin.

Solche Vorfälle erfährt Januschkowetz bei der gratis Beratung jeden Dienstag beim Bezirksgericht Melk. Ihrem Gefühl nach ist die Hemmschwelle gesunken, statt einer Diskussion erfolgt gleich eine handgreifliche Tat. Positiv zu erwähnen ist, dass im Bezirk Melk gegenüber den anderen Bezirken die Zahl der Wegweisungen gesunken ist. Das bestätigt auch Chefinspektor Herbert Oberklammer: „Es ist ein deutliches Gefälle zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des Bezirkes erkennbar. Bei Gewalt in der Familie wird im Norden weniger die Exekutive gerufen als im Süden.“

Trauriger Platz eins für Pöchlarn

Während vor zwei Jahren noch 69 Betretungsverbote erwirkt wurden, waren es im Vorjahr 49. Im Gemeinderanking belegt Pöchlarn den traurigen ersten Platz. 2018 wurden bezirksweit insgesamt 195 vorsätzliche Körperverletzungen (inklusive Gewalt gegen Frauen) erhoben und angezeigt.

„In den meisten Fällen spielt Alkoholisierung eine enorme Rolle“, stellt der Chefinspektor klar. Wichtig ist, dass die Opfer direkt nach einer Wegweisung Kontakt mit einer Beratungsstelle aufnehmen, da sie noch offen für ein Gespräch sind.

Gewalt gegen Frauen spielt sich meistens familiären Umfeld oder im nähren Bekanntenkreis ab. Im überwiegenden Teil der Fälle kennen die Frauen ihren Peiniger.  |  John Gomez /Shutterstock.com

Dies bestätigt Beatrix Dallinger von „Rat&Hilfe“ der Caritas: „Betroffene sollten sich so rasch wie möglich Hilfe holen. Die Beratung erfolgt immer anonym, verschwiegen und kostenlos. Viele fühlen sich auch schon durch ein online geführtes Gespräch gestärkter. „Frauenhäuser, Gewaltschutzzentren und Notschlafstellen bieten Frauen wieder Sicherheit und Erholung von den Ereignissen. Im Bezirk Melk gibt es derartige Einrichtungen, bis auf Beratungszentren, nicht. Die nächsten Frauenhäuser befinden sich in St. Pölten ( 02742/366514) und Amstetten ( 07472/66500).

Für wichtig hält Dallinger auch die Beratung der Täter. In einem speziellen Programm lernen die Männer, die Gewalt zu beenden, und es werden Handlungsalternativen aufgezeigt. Neben körperlichen Übergriffen hat auch Stalking zugenommen. „Aber es ist nicht mehr so einfach, dass der vermeintliche Stalker bestraft wird“, erzählt die Rechtsexpertin. Sie rät Opfern, die sich gestalkt fühlen, alles zu dokumentieren. Kontakte via Handy oder Computer sollen mit einem strikten „Nein, ich will das nicht – lass mich in Ruhe“ beendet werden.

Für alle Opfer von Gewalt gilt, sich nicht kleinmachen zu lassen und sich rasch Hilfe holen. Das ist der erste Schritt aus der Gewaltspirale.

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