Häusliche Gewalt: Warum Hinsehen so wichtig ist. Soroptimistinnen berichten im Rahmen der Kampagne„Orange the world“ über Fälle von häuslicher Gewalt in der Region Melk.

Von Denise Schweiger. Erstellt am 29. November 2020 (06:56)
Kampf gegen die häusliche Gewalt: Ärztin Ingrid Lebersorger und Soroptimistinnen-Obfrau Herta Mikesch.
privat

Erst verlor er die Frau, dann den Job, und dann die Beherrschung. Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie zog ein 37-Jähriger zurück zu seinen Eltern. Sie wollten ihn unterstützen, nach der Scheidung, der Kündigung. Was folgte, war aber ein monatelanges Martyrium.

Er begann, seine Eltern regelmäßig wüst zu beschimpfen. Zuerst richtete sich seine Aggression vor allem gegen seinen Vater – einem betagten Mann im Rollstuhl –, im Laufe des Lockdowns geriet die Mutter immer mehr ins Visier. Er drückte sie gegen die Wand, hielt ihren Kopf unter Wasser. Schläge und Tritte gehörten zum traurigen Alltag. „Sie hatten solche Angst vor ihm, dass sie sich im Schlafzimmer einsperrten“, erzählt Ulrike Koller, Rechtsanwältin aus Melk.

Ein Anruf der Nachbarn bei der Polizei diesen Sommer beendete die Qualen der Eltern. Der 37-Jährige wurde verurteilt. Was Koller im Gerichtssaal allerdings fassungslos zurückließ: „Die Nachbarn haben gesagt, sie hätten über die Monate öfter Schreie aus dem Haus gehört, aber bis zu diesem einen Anruf nichts getan.“

Das ist nur ein Beispiel von häuslicher Gewalt von vielen, die Koller, Psychologin Eveline Tanzer und die ehemalige Ärztin Ingrid Lebersorger nennen. Sie zeigen, wie wichtig es ist, hin- statt wegzuschauen. „Es geht um Bewusstseinsbildung, gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, denn die Gewalt nimmt zu“, betont Herta Mikesch, Obfrau der Soroptimistinnen. „Gewalt hat viele Ursachen und während Corona sind wir mit völlig neuen Situationen konfrontiert. Überforderung, Stress, Homeschooling und Homeoffice. Das kann zu Spannungen führen, die mit Gewalt enden“, berichtet Tanzer. Es sei wichtig, sich bei Problemen Hilfe zu holen (siehe Infobox). Für Lebersorger müsse Präventionsarbeit zur gewaltfreien Konfliktlösung bereits in der Schule geleistet werden.

„Eine auflegen“: Auch Polit-Sprache verroht

Im Rahmen der Kampagne „Orange the world – Stoppt Gewalt an Frauen“ werden von Mittwoch, 25. November, bis Donnerstag, 10. Dezember, orangefarbene Zeichen gegen Gewalt gesetzt: 165 Gebäude in ganz Österreich erstrahlen in der Signalfarbe, im Bezirk etwa die Firma Ardex, die Turbine in Ybbs oder Auslagen in der Melker Innenstadt.

„Dieses Thema ist aktueller denn je, es geht uns alle an“, ist Mikesch überzeugt. Und nicht nur in der Bevölkerung ist die Stimmung aufgeheizt – sondern auch in der Politik. Der ehemalige Nationalratspräsident Andreas Kohl (ÖVP) sagte in einem Interview, SP-Chefin Pamela Rendi-Wagner habe danach gerufen, dass man „ihr eine auflegt“. Mittlerweile hat sich Kohl, nach heftiger Kritik, entschuldigt. Für Mikesch beginnt Gewalt in der Sprache: „So eine Aussage ist absolut unangebracht. Politiker haben zudem eine Vorbildwirkung zu erfüllen.“