Haselsteiner: „Keine Angst vor bestätigten CoV-Fällen“ . Ein halbes Jahr Coronakrise: Zum Auftakt der „NÖN-Krisengespräche“ zog der Bezirkshauptmann Norbert Haselsteiner Bilanz und berichtete vom Arbeitsalltag auf der BH.

Von Denise Schweiger und Markus Glück. Erstellt am 05. August 2020 (04:47)
Denise Schweiger

NÖN: Als Sie im Dezember das erste Mal von einem Virus namens Corona gehört haben, haben Sie geahnt, was auf uns alle zukommt?

Norbert Haselsteiner: Ich habe wahrscheinlich in genau derselben Intensität wie viele andere auch davon gehört: Irgendetwas ist da in China unterwegs. Da wir ja in der Vergangenheit schon mit anderen Pandemien, wie etwa der Vogelgrippe oder der Schweinegrippe, zu tun hatten, habe ich es natürlich im Auge behalten.

Ab wann wussten Sie, da kommt eine noch nie da gewesene Pandemie auf uns zu, ab wann begannen bei der Bezirkshauptmannschaft (BH) die Vorbereitungen?

Haselsteiner: Als der Virus Italien erreicht hatte, wurde es konkret. Aber ich glaube, keiner von uns hat sich die Dimension wirklich vorstellen können. Den ersten Corona-Fall im Bezirk hatten wir am Samstag vor dem Lockdown. Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Fachbereichen wurden vorbereitet. In Spitzenzeiten, Ende März, Anfang April, haben wir teilweise mit zwei Stäben gearbeitet. Ein Stab besteht aus 20 Personen und diese waren notwendig, um alle Aufgabenstellungen zu bewältigen.

Wie veränderte sich der Arbeitsalltag innerhalb der Melker Bezirkshauptmannschaft?

Haselsteiner: Eins vorweg: Man ist ja als Bezirksverwaltungsbehörde bei der Bewältigung einer solchen Situation nicht alleine. Es gibt eine strukturierte Krisenorganisation, angefangen bei der Bundesregierung über die Ministerien bis hin zur Landesregierung und so weiter. Wie gesagt gab es bei uns zwei Stäbe, andererseits mussten auch alle anderen Aufgaben der Bezirkshauptmannschaft weiterlaufen.

Ein schweres Unterfangen, wenn viele im Homeoffice sind?

Haselsteiner: Das war natürlich die nächste Herausforderung. Aufgrund des Lockdowns von einem Tag auf den anderen musste ja alles blitzschnell umorganisiert werden. Zudem rechneten wir zu Beginn des Jahres ja mit einer Reisepass-Welle, da die Pässe ja nach zehn Jahren ablaufen und neu ausgestellt werden müssen. Das war plötzlich gar kein Thema mehr.

Wird man sich punkto neuer Arbeitsmethoden etwas für die Zukunft mitnehmen?

Haselsteiner: Gewisse Dinge wird man überlegen müssen. Viele Schritte lassen sich ja durchaus auch ohne persönlichen Kontakt abwickeln. Hier wird – wohl nicht nur bei der Bezirkshauptmannschaft – ein Umdenken stattfinden.

Im Schnitt rufen bei 1450 momentan etwa 20 Personen aus dem Bezirk Melk am Tag an.“Norbert Haselsteiner, Bezirkshauptmann

Sie blicken auf eine langjährige Berufserfahrung zurück – ist Corona bisher Ihre größte Herausforderung?

Haselsteiner: Also alleine von der Zeitdauer her – schließlich ist die Covid-Krise leider noch nicht vorbei – ist diese Situation jene, die mich bestimmt am intensivsten beschäftigt.

Derzeit steigt die Zahl der Corona-Fälle im Bezirk Melk leicht an. Gab es denn eine Zahl an Infizierten, mit der man anfangs gerechnet hat?

Haselsteiner: Hier eine Zahl zu nennen, wäre unseriös. Die ersten positiven Fälle waren Rückkehrer aus dem Skiurlaub. Der Virus ist ja – logischerweise – nicht im Bezirk entstanden, er hat aber die Bezirksgrenze nicht respektiert. Nach den Reiserückkehrern war vor allem Personal aus den verschiedensten Spitälern aus Niederösterreich und Wien positiv.

Wir befinden uns gerade in der Urlaubszeit. Wie funktioniert das, wenn eine Person aus dem Bezirk etwa in Kroatien war und sich dort den Virus eingefangen hat?

Haselsteiner: Im Normalfall läuft das so ab: Die Personen rufen 1450 an, schildern ihre Situation. Im Schnitt rufen dort übrigens momentan etwa 20 Personen aus dem Bezirk Melk am Tag an. Es erfolgt gegebenenfalls ein Testauftrag, darüber werden wir informiert. Diese Personen bekommen von uns einen Bescheid, zu Hause zu bleiben, bis das Ergebnis da ist. Wir bekommen dann die Info, ob positiv oder negativ – überwiegend sind es bei uns negative Ergebnisse. Damit ist die Quarantäne beendet. Falls das Ergebnis positiv ist, wird die betroffene Person nochmals kontaktiert, als Krankheitsfall abgesondert, nach ihren persönlichen Kontakten gefragt und mit den Kontaktpersonen abgeklärt, wie intensiv der Kontakt war. Personen mit intensivem Kontakt werden dann ebenfalls in Heimquarantäne abgesondert oder erhalten eine Verkehrsbeschränkung. Unsere weitere Aufgabe ist es, die mögliche Infektionsquelle zu eruieren und zuständige Stellen und andere Gesundheitsbehörden zu informieren, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Um auf das Beispiel des Kroatienurlaubers zurückzukommen: Wie funktioniert die Kommunikation mit ausländischen Behörden?

Haselsteiner: Hier kommt das übergreifende Sicherheitsnetz zum Tragen: Mit ausländischen Behörden kommuniziert der Landessanitätsstab.

Hat es denn so einen Fall bei uns im Bezirk schon gegeben?

Haselsteiner: Ja, das hatten wir schon, etwa bei einem Reiserückkehrer. Dieser war auf Urlaub und nach seinem Aufenthalt im fremden Land musste er die selbstüberwachende Heimquarantäne antreten. Es hat sich herausgestellt, dass dieser Covid-positiv war.

Lassen sich aufgrund der aktuellen Zahlen Rückschlüsse auf eine „zweite Welle“ ziehen?

Haselsteiner: Die große Herausforderung wird sicherlich der Herbst, wenn nicht nur Corona, sondern auch andere Viren unterwegs sind.

Es gibt immer wieder Kritik von Lesern, dass keine Covid-19-Zahlen für die einzelnen Gemeinden veröffentlicht werden, sondern nur für den gesamten Bezirk. Welche Gründe gibt es dafür?

Haselsteiner: Das ist einfach erklärt. Es gibt eine Rechtsgrundlage – es geht hier schließlich um sensible Gesundheitsdaten – und an diese Vorgaben müssen wir uns halten.

Würde es Ihrer Meinung nach Sinn machen, hier offener zu kommunzieren?

Haselsteiner: Das ist ein schmaler Grat. Fakt ist, dass man den Corona-Patienten ja keinen Vorwurf wegen ihrer Erkrankung machen kann. Dass diese dann innerhalb der Gemeinde stigmatisiert werden, halte ich für falsch. Man braucht keine Angst vor den bestätigten CoV-Fällen haben. Fürchten muss man jene, die sich nicht an die Vorgaben halten, noch schnell die letzte Klopapierpackung hamstern und in der Schlange vor der Kasse drängeln.

Die Umsetzung eines neuen Sicherheitskonzeptes nach dem Attentat an der BH Dornbirn wäre geplant gewesen. Wird dieses umgesetzt?

Haselsteiner: Es ist zeitlich nach hinten verschoben, wird aber umgesetzt. Momentan gibt es coronabedingt ein Sicherheitssystem, um rückverfolgen zu können, wer das Gebäude betreten hat.

Den Sommer 2020 haben sich viele anders vorgestellt. Haben sich auch Ihre Pläne geändert?

Haselsteiner: Auf meine Urlaubspläne hatte die Pandemie keinen Einfluss, ich verbringe meinen Urlaub zu Hause – aber mein beruflicher Terminkalender hat sich stark verändert.