Das Bild geraderücken

Erstellt am 08. November 2021 | 11:04
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Symbolbild
Foto: Shutterstock/Lightspring
Jeder kennt es, wenn das Wandbild im goldenen Rahmen sich der Gravitation augenscheinlich nicht widersetzen kann und sich so ständig schief ausrichtet. Jeder noch so gutgemeinte Handgriff scheint nichts an der Situation ändern zu können. Als wolle sich das Bild dem menschlichen Willen widersetzen. Seit eineinhalb Jahren hängt unser aller Bild schief.

Sieben Millionen gewillte Handgriffe lassen es allen Widrigkeiten zum Trotz, nicht von seiner misslichen Ausrichtung abhalten. Man mag sich fragen, was eine Wanddekoration nun mit der vorherrschenden Corona-Pandemie zu tun hat und warum das „Geraderücken“ vermeintlich gar nicht nötig ist. Adaptieren, anpassen und recht machen liegt in der Natur des Menschen, wenn wir in einem Sumpfgebiet eine Wohnanlage platzieren wollen, dann wird dies ohneweiters umgesetzt. Das Unmögliche wird möglich gemacht.

Mit dem Jahr 2020 ist das Unmögliche nur mehr begrenzt möglich. Inmitten unserer Luxusprobleme und Eigensinnigkeiten entstand eine Pandemie, die unseren gewohnten Alltag gehörend umkrempelte. Leid, Einsamkeit und Pleiten suchten plötzlich alle heim. Die Pandemie unterschied nicht zwischen reich, arm, Religionen, sexuellen Orientierungen oder Hautfarben.

Welche Lehren aus diesen für manche so unbekannten Problemen gezogen werden, liegt wohl im Auge des Betrachters, jedoch sind Veränderungen kolossal spürbar. Jugendliche und Erwachsene erlebten erstmals ein Gefühl der Einsamkeit. Elektronische Geräte und Netflix-Charaktere entpuppten sich als vertrauliche Kumpanen, die durch einen Alltag vor dem Bildschirm begleiteten.

Eine globale Verbundenheit entstand, indem wir unseren Fokus auf die einfachen Dinge lenkten. Mit den Lockerungen und den damit verbundenen großflächigen Öffnungen von etwa Gastronomie und Freizeitaktivitäten tat sich ein Gefühl der Erleichterung auf. Die Freude war groß, als man die alten Teamkollegen des Fußballvereins wieder regelmäßig zu Gesicht bekam. Und der Dorfwirt empfing jedermann mit offenen Armen. Großeltern freuten sich über den sonntäglichen Besuch ihrer Enkelkinder.

Eine Art Wertschätzung von selbstverständlichen Dingen überkam uns und vermischte sich mit der Vorfreude auf Regelmäßigkeit. Der Wunsch nach Neuem rückte in den Hintergrund und ließ die Tendenz zum Materialismus fast gänzlich verschwinden. Es schien so, als hätten wir uns auf das wesentliche zurückbesannt. Auf unsere Gesundheit und die unserer Liebsten. Ein Wunsch, der uns alle verbindet egal welche Lokalität. Die Gier der Menschheit und der Kapitalismus standen für einige Monate nicht im Vordergrund.

Nun, wo wir mit großer Sehnsucht das Ende der Pandemie bereits riechen können, die Wirtschaft sich allmählich erholt und wir viele Dinge wieder als alltäglich hinnehmen, kann kaum von einer gleichen Menschheit wie vor der Pandemie gesprochen werden. Die Angst vor einer erbarmungslosen Krankheit oder vor einsamen Stunden im Eigenheim liegt uns allen tief im Magen.

Der Terminus „Selbstverständlichkeit“ wird komplett neu definiert. Die Freude über Alltäglichkeit ist nicht die gleiche. Wir lernten zu verstehen, zu schätzen und dankbar zu sein für eine Welt, die so vielen Unendliches ermöglichen kann. Wir lernten, dass dieses schiefe Bild nicht mehr geradegerückt werden muss. Auch wenn es sich nun allmählich wieder der menschlichen Sturheit fügt. Es scheint plötzlich in den Raum zu passen. Und das alles, weil die Zufriedenheit mit der Alltäglichkeit die Luxusprobleme erstmals verdrängte.

Ein gemeinsamer Feind änderte womöglich unseren Blick auf Imperfektion. Und so erscheint es, dass auch eine Wanddekoration sich in seiner Widerspenstigkeit entfalten kann, denn immerhin handelt es sich hier um eine Kleinigkeit, die wir Menschen nun auch als solche in Betracht ziehen. Vielleicht hat es aber auch eine derartige Veränderung gebraucht, um unsere Prioritäten zu verändern.

Wie sonst hätten wir die Selbstverständlichkeit durch Genugtuung ersetzen können?