Bezirk Melk: „Jeder Ort behauptet sich selbst“. Vor 50 Jahren kam es im Bezirk Melk zu Gemeindezusammenlegungen. Die Folgen sind bis heute bei den Menschen spürbar.

Von Markus Glück, Friedrich Reiner, Michael Bouda, Ewald Fohringer und Lisa Schinagl. Erstellt am 21. April 2021 (05:33)
Nicht nur der Ostrong trennt nach 50 Jahren noch immer die Orte Münichreith und Laimbach.
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Vor 50 Jahren fand in Niederösterreich die bislang letzte große Gemeindezusammenlegung statt. Insgesamt gab es im Bezirk Melk sieben Zusammenlegungen, zusammengewachsen sind einige Gemeinden davon aber auch fünf Jahrzehnte später noch nicht.

Im Südlichen Waldviertel wurden die Gemeinden Münichreith und Laimbach zu einer Gemeinde zusammengefasst. Bis heute sind die beiden Ortsteile aber nicht zusammengewachsen. Die beiden Orte trennen dabei nicht nur sechs Kilometer, der Ostrong und teilweise das Gemeindegebiet von Pöggstall, sondern auch die unterschiedlichen Mentalitäten.

„Münichreith ist mehr donaubezogen, Laimbach orientiert sich mehr nach Pöggstall“, erklärt Bürgermeister Josef Riegler (Heimatliste Laimbach). Noch heute gibt es zwei Gemeindeämter, zwei Pfarren, zwei Musikkapellen, zwei Feuerwehren und zwei Volksschulstandorte.

„Wir haben es bis heute nicht geschafft, nur ein Gemeindeamt zu haben, auch wegen dem Bürgerservice. Da wäre die Aufregung groß,“ betont Riegler, der, mit kurzer Unterbrechung, beinahe drei Jahrzehnte Ortschef ist.

Eine Besonderheit in der Gemeinde ist, dass bei der vergangenen Gemeinderatswahlen zwei ÖVP-Listen, jeweils eine aus jedem Ort, gegeneinander angetreten sind. Für Riegler ist die damalige Zusammenlegung nicht gut gelaufen, die beiden Orte nie zusammengewachsen: „Die Entscheidung passierte Fünf vor Zwölf und war ein Politikum. Laimbach wollte mit Wimberg und Weinling zusammen, Münichreith wäre eigenständig geblieben.“

„Es gibt keine großen Konflikte, höchstens fallweise kleine Scharmützel.“ Margit Straßhofer, Bürgermeisterin Pöggstall

Ähnlich wie in Münichreith-Laimbach ist auch die Gemeinde Dunkelsteinerwald nach 50 Jahren noch keine Einheit. Gansbach, Gerolding und Mauer wurden damals zu einer Großgemeinde zusammengeschlossen.

Bereits damals war der Widerstand über die Zusammenlegung groß. „Gemeindekrieg wegen Dunkelsteinerwald“ titelte die damalige NÖN-Ausgabe, siehe Faksimile unten:

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Die Gansbacher SPÖ favorisierte damals eine Fusion mit Karlstetten (Bezirk St. Pölten-Land), die Gansbacher ÖVP hatte Angst, als Anhängsel nach Schönbühel-Aggsbach zu fallen. Vor der vermeintlich entscheidenden Sitzung marschierten rund 40 aufgebrachte Bürger ins Gemeindeamt und forderten in einer Resolution die Abhaltung einer Volksabstimmung.

Erster Bürgermeister im Dunkelsteinerwald war ÖVP-Nationalratsabgeordneter Karl Donabauer. Er spricht im Rückblick von „schwierigen Verhandlungen“: „Wir haben uns aber gefunden und die Gemeinde hat sich sehr gut entwickelt.“

Zuletzt kam es im Jahr 2016 zum großen Krach. Der Streit um die Zusammenlegung der drei Gemeindeämter führte zum Eklat: ÖVP-Vizebürgermeister und acht ÖVP-Gemeinderäte traten zurück, die Gemeinde kämpfte um ihre Handlungsfähigkeit, Neuwahlen und eine Abspaltung der Orte drohte. Die zurückgetretenen Gemeinderäte kritisierten auch, dass die Gemeinde zu „Gansbach-lastig“ sei.

Aktuell befindet sich ÖVP-Bürgermeister Franz Penz in der Vorbereitung der 50-Jahr-Feier. Für ihn hat sich die Situation verbessert. „Klar, die Heimatverbundenheit der einzelnen Katastralgemeinden führt bei wichtigen Entscheidungen immer wieder zu Diskussionen. Der Zusammenhalt ist aber gestiegen“, glaubt Penz.

In Neukirchen, welches zu Pöggstall kam, sprechen noch heute einige Bewohner von einer „Zwangszusammenlegung“. In den 1970er Jahren dauerte es dann einige Zeit, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Und erst im Jahr 2004 folgte mit der Gründung der Neukirchner Liste „Gemeinsam Leben“ von Anton Eder das letzte große „Störfeuer“, welches 2015 als Höhepunkt das Brechens der ÖVP-Absoluten hatte. ÖVP-Bürgermeisterin Margit Straßhofer: „Es gibt keine großen Konflikte, höchstens fallweise kleine Scharmützel.“

Eine schwere Geburt war auch die Zusammenlegung von Lehen und Weitenegg zur Großgemeinde Leiben. Während man sich in Lehen freiwillig zusammenschloss, erfolgte Weitenegg unter Zwang. Auch der Wunsch der Bevölkerung, die Gemeinde zumindest Leiben-Weitenegg zu nennen, verhallte ungehört. Durch „große Bemühungen“ der Gemeinde sowie vieler Bürger sieht SPÖ-Ortschef Gerlinde Schwarz heute wesentliche Verbesserungen.

Großes Thema in der Vergangenheit war die Auflassung der Volksschule in Lehen und die Zusammenlegung mit Leiben. Die Wogen gingen derart hoch, dass der damalige Bürgermeister Anton Hochstöger und Schulleiterin Edita Kienast sogar verbal bedroht wurden. Massive Investitionen seitens der Gemeinde beruhigten die Lage. Heute sieht Schwarz die Gemeinden „grundsätzlich als eine Einheit“.

Veronika Schroll ist Bürgermeisterin der einst fusionierten Gemeinde Yspertal, wobei Altenmarkt, Pisching, Wimberg und Ysper sich zur heutigen Kommune zusammenschlossen. Von der damaligen Vereinheitlichung ist heute kaum mehr etwas spürbar, stellt sie fest. Die Bürgermeisterin erklärt, dass das Gebiet gut zusammengewachsen sei, was vor allem auf die räumliche Einheit der Gemeinde zurückzuführen ist.

Über die Jahre habe sich die Gemeinde dahingehend entwickelt, dass die Zusammenlegung heute nicht mehr in den Köpfen der Bevölkerung ist, anders als früher, wo die Fusion noch merkbar war. Den Vorteil der damaligen Zusammenlegungen sieht Schroll vor allem in der verwaltungstechnischen Sicht. „Es ist sinnvoller, als wenn jeder sein Süppchen kocht“, schmunzelt sie.

Ähnlich sieht es in der Gemeinde Texingtal aus, wo Plankenstein, St. Gotthard und Texing zusammengelegt wurden. Der heutige ÖVP-Ortschef Gerhard Karner spricht von einer „bewegten Geschichte“: „Es war damals nicht einfach, aber richtig.“ Denn mittlerweile sei das gemeinsame „Texingtal“ eine Erfolgsgeschichte. „Jede Ortschaft hat ihr Selbstbewusstsein, was gut ist, aber letztendlich weiß man, dass das gemeinsame Ganze größer ist.“

In der Stadtgemeinde Pöchlarn kam 1971 Ornding hinzu. Für ÖVP-Bürgermeister Franz Heisler, selbst aus Ornding, hat sich der Ort zwar seine Selbstständigkeit bewahrt, man fühle sich aber dennoch als Pöchlarner und Teil der Stadt. „Trotz der räumlichen Distanz ist es zusammengewachsen und das gilt nicht nur bei Kanal- oder Wasserversorgung“, betont Heisler.

In der Gemeinde Bergland, zu der sich zunächst Landfriedstetten und Ratzenberg und später Holzing und Gumprechtsberg zusammenschlossen, sei die Standortsuche für das gemeinsame Gemeindezentrum „sicher schwierig“ gewesen, wie ÖVP-Bürgermeister Walter Wieseneder berichtet. Mit dem gemeinsamen Wappen und der gemeinsamen Postleitzahl sei das Zusammengehörigkeitsgefühl aber noch einmal sehr gestärkt worden.

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