Zehn Tage, dann war er tot: 73-Jähriger verstarb nach Routine-OP

Erstellt am 24. Jänner 2023 | 11:03
Lesezeit: 4 Min
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Die medizinische Behandlung im Landesklinikum Amstetten hat ein 73-jähriger Mann aus der Region Pöchlarn im Vorjahr nicht überlebt. Die Landesgesundheitsagentur verweist auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und die Prüfung des unabhängigen Patientenanwalts.
Foto: Archiv/Kovacs
Ein 73-Jähriger aus der Region Pöchlarn verstarb nach einer Routine-OP im LK Amstetten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Der Schock sitzt nach wie vor tief, die Trauer, das Unverständnis darüber, was geschehen ist, ist groß. Es fällt schwer, darüber zu sprechen. Doch die Hinterbliebenen des 73-Jährigen aus der Region Pöchlarn tun es jetzt. „Die unmittelbar Angehörigen und ich sehen es als unsere Bürgerpflicht an, den Fall publik zu machen“, schildert der Schwiegersohn. Der 73-Jährige ist nach einer Routine-Operation in der chirurgischen Abteilung des Landesklinikums Amstetten verstorben. Alles begann mit schmerzhaften Beschwerden aufgrund eines Hodenbruchs.

Anfang August 2022 unterzieht sich der Mann aufgrund der anhaltenden Schmerzen der Operation im LK Amstetten. Erst scheint alles gut, doch am nächsten Tag erbricht der 73-Jährige – erst am Morgen, dann zur Mittagszeit, auch die Blutwerte verschlechtern sich. Ein Arzt habe daraufhin von „nicht ungewöhnlichen Veränderungen nach einer schweren OP“ gesprochen. Es steht allerdings auch der Verdacht auf ein Nierenversagen im Raum – eine internistische Fachärztin soll ihn jedoch erst nach mehreren Anfragen untersucht haben. Und erst zwei Tage nach dem Eingriff .

Drei Tage nach der OP teilt der Mann am Telefon mit, dass er Schmerzmittel und Infusionen bekomme, die würden aber teilweise „daneben rinnen und das Bett nass machen“, er habe dies dem Pflegepersonal auch mitgeteilt.

Vier, fünf und auch sechs Tage nach der OP bekommt der Mann Besuch von seinen Angehörigen im LK Amstetten. Er ist an sich mobil, klagt aber immer noch über Beschwerden. Warum Antibiotikum notwendig ist, sei der Familie unklar: „Offensichtlich lag eine schwere Infektion vor?“

Sieben Tage nach der OP wird plötzlich ein CT angeordnet, danach folgt eine Not-Operation.

Acht Tage nach der OP erklärt ein Arzt am Telefon, warum diese notwendig wurde: Bei der ersten OP wurde die Harnblase verletzt – eine andere Ärztin sprach übrigens erst von einem verletzten Harnleiter –, zudem hatte sich ein Bluterguss gebildet. Aufgrund der großen Operationsnarbe muss der 73-Jährige eine Bauchmanschette tragen. Und er darf das Bett nicht verlassen. Um weitere Blutungen zu vermeiden, habe man die Dosis des Blutgerinnungshemmers halbiert. Am Nachmittag bekommt der Mann wieder Besuch. Seine Frau und seine Tochter merken dabei, dass seine beiden Beine massiv angeschwollen sind, das rechte noch stärker als das linke. Das sei normal, habe eine Ärztin gesagt. Weitere Untersuchungen folgen nicht.

Neun Tage nach der OP fällt der Ehefrau und der Tochter beim Besuch des Mannes auf, dass er schwer atmet. Auch gurgelnde Geräusche nehmen sie wahr. Die beiden teilen dies ebenfalls der Ärztin mit, sie habe allerdings keine Symptome erkennen können. Demnach wurden auch keine weiteren Untersuchungen vorgenommen. Auch, dass er kaum Harn ausscheide – trotz Entwässerungsmedikamenten –, macht den beiden Sorgen. Seitens des Pflegedienstes heißt es, dass der Mann halt viel schwitze und mehr trinken müsse. Der Mann meldet abermals, dass das Bett im Bereich der Infusionsstelle nass ist, da scheint wieder was ausgeronnen zu sein. Zu Mittag bekommt der Mann Suppe, doch diese kann er, liegend und nicht mobil, nicht zu sich nehmen. Erst auf sein Verlangen wird die Suppe in ein Trinkgefäß gefüllt.

Zehn Tage nach der OP klingelt das Telefon der Gattin des Mannes. Der 73-Jährige ist verstorben. Ihm sei nach dem Frühstück übel geworden, danach verlor er das Bewusstsein.

Wie eine Ärztin erläutert, vermutet man eine Lungenembolie als Todesursache. Das bestätigt auch die Obduktion später. Der Ursprung der Embolie lag in einer tiefen Beinvenenthrombose – wohl ausgelöst, da man nach der ersten OP einerseits den Blutgerinnungshemmer halbierte und zwei Tage lang Bettruhe anordnete, erläutert der Schwiegersohn. „Die Ärzteschaft scheint sowohl mit der Durchführung der Standardoperation als auch in der Folge therapeutisch in mehrfacher Hinsicht völlig überfordert gewesen zu sein, was auch auf einige Unzulänglichkeiten beim Pflegedienst zutrifft“, spricht der Schwiegersohn von einem „Versagen des Gesundheitssystems“. Eines könne man mit Sicherheit sagen: „Hätte sich mein Schwiegervater nicht der Therapie an der chirurgischen Abteilung des Landesklinikums Amstetten unterzogen, wäre er heute noch am Leben!“

Verdacht auf fahrlässige Tötung steht im Raum

Nach dem Tod des 73-Jährigen im Amstettner Klinikum begann die Staatsanwaltschaft St. Pölten mit den Ermittlungen.