Spitalsärzte werfen das Handtuch

Erstellt am 18. Jänner 2023 | 04:49
Lesezeit: 4 Min
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Die gynäkologische Abteilung wird seit Dezember abwechselnd von Primarärzten aus anderen Kliniken im Weinviertel geführt, vier Gynäkologinnen haben daraufhin entschieden, das Mistelbacher Spital zu verlassen.
Foto: NÖN-Archiv
Die Gynäkologie wird von Primaren aus anderen Kliniken geführt, vier Ärztinnen verlassen nun den Mistelbacher Standort.

Die gynäkologische Abteilung im Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf ist führungslos, die Suche nach einem Nachfolger lief bisher ohne Erfolg. Primarärzte aus anderen Spitälern – wie Hollabrunn und Korneuburg – übernehmen interimistisch die Führung. Doch das hat die Arbeitssituation derart verschärft, dass Ärzte aus dem Team die Kündigung eingereicht haben. Das berichten interne Quellen.

„Zufriedenheit nicht zu 100 Prozent gegeben“. „Die Lage ist sehr, sehr angespannt“, bestätigt Betriebsrat Franz Hammer. „Die Zufriedenheit ist nicht zu 100 Prozent gegeben, aber die Versorgung ist aufrecht.“ Es werde alles darangesetzt, die gynäkologische Station zu erhalten. Dazu brauche es unbedingt den Abteilungsleiter.

Wie wichtig das ist, zeige die Kinderstation, die seit Jänner eine neue Primaria vorweise. Hammer höre, dass sie nicht nur mit fachlicher Kompetenz punkte, sondern auch das Pflegepersonal ins Boot hole, um gemeinsam an einem Strang ziehen zu können. „Wenn ich einen guten Chef habe, dann funktioniert die Firma“, betont der Betriebsrat.

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Christian Cebulla ist mit einer schwierigen Nachbesetzung in der Gynäkologie konfrontiert.
Foto: NÖN-Archiv

Vier Gynäkologen verlassen die Abteilung. Der ärztliche Direktor Christian Cebulla berichtet, dass Primar Felix Stonek „für alle überraschend“ die Gyn verlassen hat. Die Abteilung wurde daraufhin interimistisch geleitet, dieser Chef beendete aber aus Altersgründen mit Dezember seine Tätigkeit. „Der Bewerbungsprozess läuft noch, gestaltet sich aber schwieriger als gewünscht.“ Cebulla bestätigt, dass sich „als Folge des schwierigen Nachbesetzungsprozesses“ vier Gynäkologinnen entschieden haben, zu gehen.

Die Versorgung bleibe aufrecht, auch weil die Primarärzte aus den gynäkologischen Abteilungen des Weinviertels „in einem gemeinsamen Schulterschluss alternierend die Leitung übernommen haben“, dankt Cebulla allen „für die großartige Zusammenarbeit“. Er ergänzt, dass an Lösungen „auf allen Ebenen intensiv gearbeitet“ wird: Der Bewerbungsprozess lief noch bis zum 16. Jänner (nach Redaktionsschluss), auch laufe „das Recruiting neuer Oberärzte“.

Personalabgänge in der Inneren Medizin II. Personalabgänge verzeichnet auch die Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie sowie Onkologie (Innere Medizin II), erzählt ein anonymer Mitarbeiter. Hammer beschreibt, dass gerade dort eine intensive Pflege benötigt wird.

„Dort sind meistens Klienten im Alter von 80 Jahren aufwärts. Das sind verwirrte Patienten, die auch das Zimmer verlassen. Früher war es so, dass sich das Pflegepersonal eine halbe Stunde zum Patienten setzen konnte. Sie gaben ihnen das Gefühl, dass jemand da ist, und die Pflege hatte das Gefühl, dass sie etwas Gutes tut.“

„Es ist richtig, dass drei Ärzte der II. medizinischen Abteilung das Landesklinikum verlassen wollen“, sagt Cebulla. „Die Gründe für die Versetzungswünsche oder Kündigung sind unterschiedlicher Natur, ein direkter Zusammenhang mit der Abteilungsleitung ist mir nicht bekannt.“ Bewerbungen liegen bereits vor: Cebulla geht davon aus, „dass wir die so entstandenen Lücken rasch schließen können“.

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Franz Hammer: „Die Zufriedenheit ist nicht zu 100 Prozent gegeben.“
Foto: NÖN-Archiv

Forderungen des Klinikum-Betriebsrates. „Das Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf muss attraktiver werden“, findet Hammer, der auch in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst vertreten ist und bei der Landtagswahl an sechster Stelle auf der ÖVP-Bezirksliste antritt. Er hat konkrete Lösungsansätze. Die Pflege muss seines Erachtens als Schwerstarbeit zu gelten haben. Es zähle nicht allein, „wie viele Ziegel man von A nach B trägt“. Die Mitarbeiter sind mit psychischen und physischen Belastungen konfrontiert (die Landesgesundheitsagentur hat 2020 eine Helpline für Beschäftigte eingerichtet): „Man muss sie altersgerecht in Pension gehen lassen“, findet Hammer.

Er hält zudem die Maskenpflicht im Gesundheitsbereich für nicht mehr zeitgemäß. Er fordert eine gerechte Bezahlung, eine Dienstplan-Stabilität, sodass „der Beruf wieder familienfreundlicher“ wird, und eine „Wertschätzung und Anerkennung für alle Kollegen, denn dann fängt man wieder an, den Beruf zu lieben“.

Hammer musste selbst in der Vorwoche medizinisch versorgt werden: Landesgesundheitsagentur-Vorstand Konrad Kogler hat sich telefonisch bei ihm erkundigt, wie’s ihm geht. Das schätze Hammer: „Der oberste Chef und der Betriebsrat sind nicht immer der gleichen Meinung“, sagt er. „Man hat vergessen, dass im Klinikum Menschen sind, die mit Menschen arbeiten. Das ist auch in der Inneren Medizin II in den letzten Monaten und Jahren verloren gegangen.“