Mistelbach

Erstellt am 13. März 2018, 12:59

von Christoph Szeker

Gedenkjahr 1938: „Widerstand gab es nicht“. Angst vor Repressalien und das Hoffen auf Entschuldung machten es den Nazis leicht.

Massenauflauf: Adolf Hitlers Zug hält am Laaer Ostbahnhof. Nicht nur die Parteikader, SA und SS waren gekommen.  |  zVg

Zum 80. Mal jährt sich heuer der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, womit der Anfang vom Ende des freien Österreichs besiegelt wurde. Die Rolle, welche Mistelbach in der Geschichtsschreibung einnimmt, ist dabei nicht rühmlich, weiß Stadthistorikerin Christa Jakobs: „Eine Kollegin von mir musste 1934 nach Wien auswandern, da die Stimmung in Mistelbach schon gekippt war.“

Nationalsozialistisches Gedankengut war bereits vor Hitlers Einmarsch in der Bevölkerung vorhanden und bestimmte das gesellschaftliche Klima mit. Auch in Laa „war die Stimmung sehr national“, berichtet Historiker Rudolf Fürnkranz. Widerstand habe es im Grunde nicht gegeben, nur im Untergrund widersetzten sich einige.

„Mistelbach wollte - wie Laa und Wolkersdorf - als erste Stadt in Niederdonau judenfrei sein. Das war ein Wettstreit mit Krems!“Christa Jakobs, Stadthistorikerin

In Mistelbach fiel die Volksabstimmung, welche dazu diente, das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ nachträglich zu legitimieren, mit 4.139 zu sieben Stimmen zugunsten des Anschlusses aus. „Nein“ zu stimmen war nicht leicht, wie Fürnkranz aus Laa, einer Stadt mit 100-prozentiger Zustimmung, zu berichten weiß: „Die Schuldirektorin Maria Kerstan wollte gegen den Anschluss stimmen, sah sich bei der Abstimmung unter den ‚sieben Blicken‘ aber zu einem Ja gedrängt.“

1. Mai in Mistelbach: Maibaum und Rathaus waren mit Hakenkreuzen beschmückt.  |  zVg

Es sei verständlich, dass zu dieser Zeit niemand die Aufmerksamkeit der Nazi-Helfer auf sich ziehen wollte, denn das konnte schnell zur Verhaftung führen. Christian Schrefel, Leiter bei „Wolkersdorf 1938“, erläutert dies an einem Beispiel: „In Wolkersdorf wurden Kinder eines sozialdemokratischen Gemeinderats festgenommen, da sie Flugblätter gegen die Volksabstimmung verteilten.“

Im Rampenlicht positionierte sich die Bezirkshauptstadt mit der Proklamation, als erste Stadt „judenfrei“ zu sein – auch Laa und Wolkersdorf wollten die Ersten sein. „Das war ein Wettstreit zwischen Krems und Mistelbach“, erklärt Jakobs.

So ist es wenig verwunderlich, dass die meisten Juden 1938 schon ausgewandert waren, der erste Kreisparteitag fand in Mistelbach im April des selben Jahres statt. Jakobs verstand anfangs nicht, wieso ihre Mutter den Kreisparteitag besuchte, erhielt schließlich aber die Erklärung, dass man hingehen hatte müssen, denn „Spitzel gab es genug.“ Daher war es besser, sich ruhig zu verhalten und nicht aufzufallen.

Wo sind Ursachen für die hohe Unterstützung, welche der NSDAP entgegengebracht wurde, zu verorten? Es spielte mit Sicherheit eine berechtigte Angst mit: Angst vor Verhaftung oder Gewalt. Andererseits spielte, etwa in Laa, auch die Lage der Stadt eine Rolle, denn Fürnkranz weiß, dass die „Ablehnung des Tschechischen“ in der Stadt schon nach dem Ersten Weltkrieg stark war. Nach dem Verbot der österreichischen NSDAP im Jahr 1933 nach einem Handgranaten-Anschlag in Krems wurde Laa außerdem zu einer „Schleuse für illegale Nazis“, so Fürnkranz. Von Nazi-Sympathisanten wurden dann mehrere Aktionen durchgeführt, wie zum Beispiel das Aufhängen einer Hakenkreuz-Fahne auf dem Ziegelofenschlot.

Wolkersdorf 1938: das mit Hakenkreuzen beflaggte Rathaus vor der Volksabstimmung.  |  Sammlung Semrad

Schrefel führt darüber hinaus die Eigeninteressen der „bäuerlichen Bevölkerung“ ins Feld, denn viele hatten Schulden bei jüdischen Geschäftsmännern und sahen im Nationalsozialismus ihre Chance, die Schulden loszuwerden – die Nazis trieben die Schulden nach der Machtergreifung jedoch selbst ein. Vermehrt beeinflussten Bauern und Unternehmer dann auch die Nachrichten zu ihren Gunsten. Schrefel: „Heute würde man Fake-News sagen.“

Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern, aber wir können daraus lernen, wie Fürnkranz betont: „Ein guter Schritt ist, dass Laa seit der Jahrtausendwende Stadt der Begegnung ist.“ Aus Schrefel spricht zu diesem Thema die politische Erfahrung, wenn er anmerkt: „Wichtig ist Hinweisen, Aufzeigen und die Gewaltenteilung ernst zu nehmen, denn damals war diese gleichgeschaltet.“