Mistelbacher vor Lampedusa: „Wer nicht gefunden wird, ertrinkt“

Erstellt am 24. November 2022 | 05:04
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Der Mistelbacher Bernd Nawrata war auf einer Mission auf einem Seenotrettungsboot vor der Küste von Lampedusa unterwegs.

„Wen wir nicht retten, der ist verloren, das muss einem immer bewusst sein“, sagt der Mistelbacher Bernd Nawrata angesichts des angekündigten Sturmes. Seit 2018 nimmt der ehemalige Regattensegler an Seenotrettungsmissionen vor der afrikanischen Küste teil.

Bei der jüngsten Rettungsmission in den Gewässern rund um die italienische Insel Lampedusa bekamen sie auch die Weigerung der italienischen Regierung von Georgia Meloni zu spüren, gerettete Menschen an Land gehen zu lassen: Erst, nachdem der Treibstoff, Medikamente und die Versorgung drohten, auszugehen, durften sie in Kalabrien landen.

Ein Monat widmet Nawrata jedes Jahr dem Einsatz bei der Seenotrettung, meist im Mittelmeer, dreimal auch vor den Kanaren: „Das ist eine der gefährlichsten Flüchtlingsrouten“, weiß Nawrata. Warum er’s macht? „Ich wollte nicht mehr in der Zeitung lesen, dass wieder Menschen ertrunken sind und ich was tun hätte können“, sagt der Mistelbacher. Er habe als Segler das notwendige Können und das setze er auch ein.

Boote der Flüchtlinge sind schwer zu sehen

Das Rettungsschiff „Rise Above“ kreuzte in internationalen Gewässern, rund 30 Seemeilen vor Lampedusa, als ein Flüchtlingsboot gesichtet wurde. Wie die Rettung abläuft, ist ein eingespielter Vorgang: Nawrata wird mit seinem Rhib, einem Rettungsschnellboot zu Wasser gelassen und fährt mit zwei weiteren Helfern zum Flüchtlingsboot, wo nach und nach die Menschen zur „Rise Above“ gebracht werden.

Auch wenn alles glattging, war die Anspannung groß, während die Menschen am Schiff aufgenommen wurde, war das Rettungsschnellboot noch in Standby-Position. Da fiel Nawrata ein Punkt am Horizont auf. Mit Erlaubnis, nachsehen zu dürfen, rückten die Retter noch mal aus.

Tatsächlich: Ein weiteres Boot, gerade noch seetauglich, wieder mit über 30, eng gedrängten Menschen drauf. „Die haben gejubelt, als wir gekommen sind“, erinnert sich der Rhib-Pilot. Sie hatten die Rettung des ersten Bootes gesehen und schon gefürchtet, nicht entdeckt zu werden.

„Diese Boote sind ja nicht groß, die sieht man erst aus einer Meile Entfernung“, sagt Nawrata. „Das hat schon etwas von der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“ Kaum waren auch die an Bord der „Rise Above“, kam die Meldung von einem Flugzeug der NGO „Mission Lifeline“: Ein weiteres Boot befinde in der Nähe. Es begann die Suche, nur mithilfe des Flugzeuges wurde das Holzboot gefunden.

Stimmung an Bord ist brisant

Jetzt drängten sich 95 Menschen, darunter 46 Minderjährige, acht Babys, 22 Frauen, davon zwei schwanger, aus der Subsahara-Zone und neun Retter auf dem 25 Meter langen Schiff: „Geschlafen wurde auf den schmalsten Flecken“, erzählt der Mistelbacher, die Mannschaft selbst wohnt zu neunt in einem Raum unter Deck.

Leben so viele Menschen so eng und so lange beisammen, sind Reibereien nicht auszuschließen: „Da muss extrem aufgepasst werden, dass alle das Gleiche bekommen.“ Beim Essen gibt es keinen Nachschlag, Kleidung gibt’s nur, wenn’s für jeden eine Hose gibt.

„Für einen Streit reicht da schon, wenn einer am Schlafplatz des anderen schläft“, weiß der Seenotretter. Und um die Stimmung an Bord nicht kippen zu lassen, sind auch die Gesprächsthemen, die nicht angesprochen werden, klar definiert: Bei der Registrierung wird nicht gefragt, was sie auf ihrer Flucht erlebt haben, ob sie gefoltert oder vergewaltigt wurden.

Sechs Tage warten am überfüllten Schiff

Sechs Tage lang verweigerten die italienischen Behörden die Einfahrt in einen Hafen. Erst als es mehrere medizinische Notfälle gab, der Treibstoff drohte auszugehen und auch die Vorräte knapp wurden, durften sie in Reggio di Calabira an der Südspitze Italiens einlaufen. Im Unterschied zu früheren Missionen zeigten sich die Polizisten dieses Mal gegenüber den Seenotrettern freundlich, für den Kapitän gab es sogar als Abschiedsgeschenk ein Sackerl seiner heiß geliebten Pepperocini. „See you soon“, verabschiedeten sie sich.

Freunde machen sich Nawrata und die Seeretter nicht überall, manche bezeichnen sie als Schlepper. „Das Beste wäre, wenn wir das alles nicht machen müssten, weil die EU eine eigene Seenotrettungsflotte hat. Aber die Europäische Union kommt ihrer gesetzlichen Pflicht nicht nach, Menschen in Seenot zu retten“, sagt Bernd Nawrata: Kein Mensch hat es verdient, zu ertrinken.“