100 Jahre NÖ: Kunstraub in der Mistelbacher Kirche

Erstellt am 15. August 2022 | 04:36
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Der Rest vom „Mistelbacher Rubensbild“: Ein Engel, der dem Heiligen Kranz und Palmzweig – zwei ikonografische Attribute von Märtyrern – überreichte. Den Sebastian hatten die Diebe aus dem Bild geschnitten und mitgenommen.
Foto: NOEN
1922 ließen sich Unbekannte in der Mistelbacher Pfarrkirche einsperren. Sie raubten ein Bild des Hl. Sebastian, dessen Urheber Peter Paul Rubens sein soll.

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Foto: NOEN

„Der Rubens von Mistelbach geraubt“ lautete eine Überschrift in der katholisch-konservativen Tageszeitung Reichspost vom 30. September 1922 über den Diebstahl eines Gemäldes des Heiligen Sebastian aus der Mistelbacher Pfarrkirche.

Dabei soll es sich um ein Werk des flämischen Meisters Peter Paul Rubens oder zumindest eines seiner frühen Schüler gehandelt haben. Die Einschätzung, dass es sich um ein Werk Rubens gehandelt habe, basiert auf einer Notiz in der Pfarrchronik aus dem Jahr 1852, die vom damaligen Barnabiten-Propst Don Anton Maria Pfeiffer stammt. Pfeiffer soll ein Kunstkenner gewesen sein und die Eintragung steht in Zusammenhang mit der in diesem Jahr erfolgten Neugestaltung der Sebastianikapelle (Seitenaltar im linken Kirchenschiff).

Bei dem Kunstwerk handelte es sich um das Altarbild dieser Kapelle. 1914 wurde die Sebastianikapelle abermals renoviert und der akad. Maler Josef Reich wurde mit der Restaurierung des Gemäldes des hl. Sebastians betraut. Laut seiner fachkundigen Einschätzung soll es sich bei dem Bild hingegen um ein Werk von Tizian, Rubens großem Vorbild, gehandelt haben. Somit bleibt die Urheberschaft des Werks ungeklärt.

Faktum ist allerdings, dass es sich um ein Werk von außergewöhnlichem künstlerischem (und wohl auch finanziellem) Wert gehandelt haben dürfte. Wie und wann das Bild in den Besitz der Pfarre kam, dazu ist nichts überliefert.

Der namentlich nicht genannte Autor des Reichspost-Artikels vermutete eine Stiftung durch die Fürstenfamilie Liechtenstein und konstruierte auch eine Verbindung mit der einst dem Heiligen Sebastian geweiht gewesenen Gruftkapelle, die bis 1784 zwischen der Pfarrkirche und der Katharinenkapelle (Karner) stand.

Die Gruftkapelle, die unter der vermutlich ursprünglichen, im romanischen Stile erbauten, Pfarrkirche lag, war dem heiligen Sebastian geweiht. Sie erlangte Mitte des 18. Jahrhunderts als Ziel von Wallfahrten aufgrund einer wundertätigen Marienstatue unter dem Namen „Maria in der Gstetten“ (oder auch Maria in der Gruft) letztmalig Ruhm, ehe sie bei den Reformen unter Kaiser Josef II. abgebrochen wurde.

Der Diebstahl dürfte sich am Sonntag, den 17. September 1922, und zwar in den Nachmittagsstunden bzw. der Nacht ereignet haben. Es wurde vermutet, dass der oder die Täter sich in der Kirche einsperren ließen, um so ungestört zu sein.

Mit einem Messer wurde das Bild aus dem Rahmen geschnitten, wobei zunächst versucht wurde, das gesamte Bild aus dem Rahmen zu schneiden, letztlich beschränkten die Kunstdiebe sich dann jedoch auf die Abbildung des Heiligen und ein an den Ecken abgerundeter Abschnitt im oberen Bereich des Bildes blieb im Rahmen zurück. Die Täter wurden nie gefasst. Es wurde vermutet, dass sie gezielt dieses Werk rauben wollten, da sie weitere wertvollere Gegenstände in der Kirche nicht beachteten.

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